Atlantik von West nach Ost – Die ersten Tage

Atlantik von West nach Ost – Die ersten Tage

Der ganz frühe Morgen des zweiten Tages, rund 12 Stunden nach unserem Aufbruch. Mitternacht ist gerade vorbei. Anke ist in die Koje, meine Wache von 00:00 bis 03:00 hat begonnen. Der fast volle Mond spendet dem Meer einen Silberglanz.

Wir wundern uns. Fünf Tage sind wir nun auf See, davon vier Tage rund um die Uhr. Die Zeit vergeht schnell und es beginnt ein irritierender, doch vertrauter Effekt: Wir kommen durcheinander. Wissen nicht mehr sicher, der wievielte Tag es heute ist. – Die Bordroutine ist recht schnell eingekehrt. Anscheinend verinnerlicht man den Wechsel vom „Landleben“ zum „Seeleben“ im Laufe der Jahre. Die erste Nacht haben wir beide wie meist schlecht bzw. wenig geschlafen. Das kennen wir schon. Dennoch, obwohl wir wissen, dass wir nicht schlafen können, legt sich jeder in seiner nächtlichen Freiwache hin. Um in den Rhythmus zu kommen. – Wie wir unsere Bordroutine, vor allem unsere nächtlichen Wachen organisieren, haben wir bereits im Rahmen der letzten Atlantik-Passage beschrieben. Um uns nicht zu wiederholen, verweisen wir einfach auf den Blogeintrag Langeweile, in dem wir detailliert darauf eingehen. Und nun ein kleiner Überblick über die ersten Tage auf See. Tag 1 lassen wir aus, denn der taucht ja schon im letzten Blogbeitrag auf.

Fr., 29.05.2026 – Tag 2

Mittagsposition: 19°26,68´N – 061°53,76´W

In der ersten Nacht ist nichts los. Anke rettet einen Fliegenden Fisch, der auf dem Laufdeck gelandet ist und befördert ihn zurück in sein Element. Zwei Mal sehen wir AIS-Signale von Berufsschiffen, ca. 20 Meilen entfernt. Als ich um 06:00 (alle Zeitangaben = aktuelle  Bordzeit) meine zweite Wache antrete, ist die Sonne schon aufgegangen. Stelle den Blogbeitrag zum Start fertig.

Legen uns beide im Laufe des Tages für ein Stündchen hin. Der scheinbare Wind pendelt kursbedingt zwischen 70-80° am frühen Morgen und bis zu 110° später am Tag. Schwächelt auch mal, doch meist zügiges Vorankommen. Wir segeln stur 60° Kartenkurs. Das ist angenehm, schnell und erlaubt uns trotz Strömung und Abdrift schließlich Richtung Nord Fortschritte zu machen. Unser Ziel ist, zunächst möglichst schnell durch eine Zone zu kommen, in der es oft Windstillen gibt. Zur Zeit herrschen ideale Bedingungen, um durch diese Zone mit ein wenig Wind aus der richtigen Richtung durchzurutschen. Können erste Mittagsposition nehmen.

Abendessen: Frikadellen mit Salzkartoffeln. Zutaten: Butter, Mayonaise, feiner Dijon-Senf

Der Morgen des ersten Tages ist etwas holperig. Besser, es gibt Stehfrühstück. Anke hat beinah in Vergessenheit geratene, französische Patés entdeckt. Welch ein Genuss auf See.
Anke hatte die Sonnenschutz-Cover von den Luken entfernt. Sie wollte sicher gehen, dass die Luken zuverlässig schließen. Über dem Salon brauchen wir aber nun doch einen Sonnenschutz, dafür müssen aber erst die Salzkristalle von der Luke wieder runter.
Keine Rettungsweste! Wenn es ruhig ist, so wie heute tagsüber, verzichten wir auf Rettungswesten.
Meist verzichten wir aufs Mittagessen. Das fördert die Figur 😉. Und kommt dann doch der kleine Hunger, gibt es meist Reste vom letzten Abendessen. Das bestand aus Salat mit Frikadellen. Salat ist bei uns meist ein Essen der ersten Tage, da die Zutaten sich nicht lange halten. Und die Frikadellen sind ja vorgekocht.
Entspannung auf dem nicht mehr wackelnden Steuermannssitz. Welche Wohltat. Nochmals herzlichen Dank an Kai in Le Marin.
Sonnenuntergang. Gleich wird das Abendessen bereitet, das wir gewöhnlich im Salon gemeinsam zu uns nehmen.

Sa., 30.05.2026 – Tag 3

Mittagsposition: 22°03,37´N – 060°50,96´W
Etmal: 167,6 sm

Fast Vollmond. Wolkenfreier Himmel. Sterne wegen des Mondes kaum zusehen, doch der Planet Jupiter leuchtet sehr hell. Ein Fliegender Fisch hatte einen Frontalzusammenstoß mit unserem Cockpitsüll. Da ihm leider nicht mehr zu helfen ist, bekommt er von Anke ein anständiges Seebegräbnis.

Segeln wie gehabt 60° am (scheinbaren) Wind. Machen um Mitternacht und danach leicht Ost gut. Bis dahin hat der Kurs uns zunächst leicht nach West versetzt und anschließend war nicht mehr als stur Nord möglich. Angenehmes und gleichmäßiges Segeln, auch tagsüber.

Rund 100 Liter Wasser gemacht und eine Stunde den Generator laufen lassen. Letzterer tat sich etwas schwer bei Starten, hatte ja lange gestanden, kam aber letztlich beim ersten Versuch. Anke hatte natürlich schon vor Wochen gesagt, ich soll ihn mal laufen lassen.

Gegen 18:00 nimmt der Wind zu, die Richtung bleibt. Sonnenuntergang gegen 18:30 an Backbord querab, um 19:00 steht der nun volle Vollmond an Steuerbord querab. Heute Abend gibt es Vollkornnudeln mit Brokkoli-Schinken-Sahne-Sauce. In der ersten Nachthälfte den ersten Frachter (besser dessen Lichter) am Horizont gesehen.

Neben dem Boot rauscht schäumend das Wasser. Je nachdem, in welchem Winkel man zur Sonne steht, zeigt es eine andere Farbe. Ein sehr dunkles, nachthimmelähnliches Blau hier …
… oder pures Aquamarin. Die wirkliche Farbigkeit kann ein Foto gar nicht wiedergeben. Schon gar nicht diese transluzente Leuchten des Aquamarins.
Der Tag vergeht mit diesem und jenem, nicht immer geruhsam. Hier hab ich das Notebook gestartet, um an einem Blogbeitrag zu basteln. Die Sitze im Salon haben wir mit Tüchern bedeckt, denn wir schleppen beständig und unvermeidbar Salz ins Bootsinnere.

Und schon ist er um, der Tag. Heute herrscht endgültig der Vollmond. Man kann sich nicht sattsehen an seinem silbrigen Licht. Leider rollen wir zu sehr für ein scharfes Foto.

Freiwache von 03:00 bis 06:00. Martin ist gerade in die Koje gestiegen. Durch die Luke grüßt der Vollmond. Wenn er wieder aufsteht, um die Morgenwache zu übernehmen, wird es bereits hell sein.

So., 31.05.2026 – Tag 4

Mittagsposition: 24°28´N – 059°36´W
Etmal: 161,2 sm

Gegen 08:30 einen in langgestrecktem, flachen Bogen springenden Thunfisch (oder eine ähnliche Art, vielleicht ein Pelamide) gesehen. Wenige Augenblicke später kam ein Shearwater (Sturmvogel) angeflogen und steuerte den „Sprungbereich“ an. Da gab es wohl was fressen.

Verpassen, die Mittagsposition rechtzeitig zu nehmen. Daher oben die rekonstruierte, verkürzte Angabe. Anke trägt die Mittagsposition täglich sowohl im Plotter als auch in einen „Übersegler“ (kleinmaßstäbige Seekarte) ein. Gegen Mittag dreht der Wind weiter südöstlich und dann auf Süd am Nachmittag. Die See wird konfus mit Schwell aus Nord vom Tief östlich der Bermudas, aus Nordost vom Hoch bei den Azoren und Windsee aus Südost bis Süd vom herrschenden Wind. Man kann nicht verhindern, dass die Segel schlagen. Geht aufs Material und die Nerven. Und das soll noch bis morgen so bleiben …

Nach ein bisschen Diskussion, ob Genua ausbaumen (auf welcher Seite?) oder Parasailor setzen, entscheiden wir uns fürs Ausbaumen. So kurz vor der Nacht wollten wir nicht mit dem Parasailor hantieren. War bestimmt ein Fehler wie damals auf dem Weg nach den Los Roques auch. Das Ausbaumen wird zu einem Einstundenmanöver, aber es ist jetzt deutlich ruhiger an Bord, auch wenn der Besan immer mal schlägt. Und es schaukelt natürlich. Heute gab es wieder reichhaltigen Salat mit Frikadelle (der Vorrat ist groß) und Fetakäse.

Auf Wache zwischen 00:00 und 03:00: Kritischer Blick auf den Bildschirm des Bord-PC. Keine anderen Schiffe in der Nähe. Trotz aller Elektronik und modernen Systeme, zwei Minuten später bin ich im Cockpit und suche den Horizont ab. Es kann immer Fischer und Segler geben, die kein AIS-Signal abgeben.
Alles andere als gemütlich war das Ausbaumen des Spibaums. Die See sieht auf dem Foto so harmlos aus. Aber es steht eine kleine, kurze Welle und das Boot rollt beständig. Daher wollen wir auch die ununterbrochen schlagende Geua ausbaumen. Natürlich vergisst man Videos oder Fotos von Ausbaumarbeiten, da hat man wirklich anderes zu tun. Als der Baum richtig positioniert ist und die Genua wieder steht, kehrt Ruhe ein im Schiff.
Bunter Salat mit Feta und vorgebratener Frikadelle. Das Abendessen des Vortags. Vitamine sowie Kraft für den Segler. Die Reste dienen Anke im vorhergehenden Bild als Ersatz für das Mittagsmahl.
Hunger! Nach dem Foto setzt sich Anke dazu. Wir prosten uns virtuell zu – virtuell, da wir wegen des Gerolles keine Getränke auf den Tisch gestellt haben. Und dann wird gespachtelt. Ziemlich unverkennbar ist, dass es trotz der fortgeschrittenen Tageszeit von 20:00 noch ziemlich warm ist.

Mo., 01.06.2026 – Tag 5

Mittagsposition: 26°02,56´N – 057°56,37´W
Etmal: 130,4 sm

Schlechte Nacht für Martin. In beiden Freiwachen zusammen hat er nur 1 Stunde Schlaf gefunden. Ständig riss ihn die Blase aus der Koje. Sehr ärgerlich, denn es lief alles gut und ruhig, nichts war zu tun. – Um Mitternacht werden sogar zwei Frachter auf dem AIS angezeigt. Richtig Verkehr hier! Recht klare Vollmondnacht bis zur Morgendämmerung. Um 06:00 sieht der Himmel in Richtung aufgehender Sonne gesehen aus wie Harmattan bzw. Calima.

Um 08:48 liegen 600 Seemeilen im Kielwasser. Das dürfte ein Viertel der Gesamtdistanz sein. Dennoch fällt das heutige Etmal bescheiden aus. Nun ja, es herrscht wenig Wind. Windstärke und Windrichtung wird stetig beobachtet. Nach einigem Zögern wollen wir den Baum der Genua wegnehmen, da wir annehmen, beim anliegenden Windwinkel ohne Baum effektiver zu segeln und schneller zu sein. Nach einer Dreiviertelstunde Arbeit ist der Baum weg. Und 10 Minuten später dreht der Wind wieder westlicher, kommt aus 200° und schwächelt stark: keine 10 kn mehr. Fast direkt von achtern. Die ganze Arbeit mit dem Baum war umsonst, geradezu kontraproduktiv. Sind frustriert.

Beobachten ein paar andere Segler, die allerdings alle in einiger Entfernung von uns herumkrebsen. Im Sinne des Wortes. Alle sind noch langsamer als wir, was uns einerseits tröstet (so schlecht sind wir doch gar nicht!), doch was auch nichts aussagen mag; denn es kann sein, dass sie noch weniger Wind haben als wir, oder Gegenströmung. Die Wirklichkeit auf dem Wasser muss auch nicht den Prognosemodellen entsprechen.

Ein seltsamer Morgenhimmel. Die Welt sieht aus wie von einem sandbraunen Schleier verhangen. Harmattan? Calima? Das ist noch nicht einmal abwegig. Es kommt tatsächlich vor, dass Saharastaub bis in die Karibik verweht wird. Wenig später sieht es aus wie auf dem Beitragstitelbild. Die Welt beginnt vielfarbiger zu werden.

Ankes Einträge der ersten vier Mittagspositionen. Die vierte Position erfolgte am fünften Tag, da wir ja am ersten Tag nach dem Mittagszeitpunkt gestartet sind. Ein etwas kräftiger zeichnender Bleistift wäre netter. Daher sind die schwach lesbaren Einträge mit gelben Pfeilen markiert.

Mittagsposition vom 01.06. (Sternchen) auf der elektronischen Karte des Bord-PC
Heute ist es mein Part, am frühen Nachmittag Reste zu verspeisen.
Grauer Himmel am fünften Tag. Und der erste Frachter, den wir tatsächlich in Natura sehen. Es ist so wenig los, dass ein Frachter am Horizont zu einem Ereignis wird.
Nach langer Beobachtung des Windes und Bewertung der Prognosen: Wir haben den Baum wieder weggenommen, da der Wind leicht „östlicher“ einkam als in den letzten 24 Stunden. Nun gut, er kam nun ziemlich aus Süd, zuvor etwa aus rund 200°. Kaum waren wir fertig und 5 Minuten gesegelt, wehte es wieder aus 200°. Wieso ist das so?
Das Abendessen: Räucherlachs mit bunten Kartoffeln und Brokkoli. Leider haben wir nicht daran gedacht, ein paar Fertigsaucen einzukaufen. Eine Bechamelsauce bei der Rollerei selber zu basteln wollte ich mir doch nicht antun. Stattdessen gibt es Butter und karibische Hundesauce („Sauce Chien“) dazu.

Anke kann kaum erwarten, dass es los geht. (Anne, kommt dir das bekannt vor?)

Mit dem Abendessen und der anstehenden Nachtruhen und Nachtwachen – bitte nicht mit einem Krankenhaus verwechseln – wollen wir uns verabschieden. Eine Sache bleibt noch. Für viele Menschen ist eine Atlantiküberquerung ja nicht wirklich vorstellbar. Als ich, Martin, mich von meiner Herz-OP in der Reha erholte, bin ich über das erste von vier Videos von Stefan Finger gestolpert, in der er eine Atlantik-Überquerung von Saint Martin nach Horta, auf den Azoren schildert. Die Fahrt findet auf einer 50-Fuß-Yacht statt und es handelt sich im Grunde um einen Überführungstörn mit einem professionellen Skipper und zwei weiteren Mitseglern. Mir gefallen diese Videos noch heute, da sie ganz unaufgeregt und in keinster Form dramatisierend oder effektheischend sind. Für den, der mal einen lebendigen Blick in das Leben auf so einen Törn werfen will, verlinken wir die Videos hier:

Stefan Finger (Lütt Matten):
Über den Atlantik von West nach Ost – Teil 1
Über den Atlantik von West nach Ost – Teil 2
Über den Atlantik von West nach Ost – Teil 3
Über den Atlantik von West nach Ost – Teil 4

Und nicht irritieren lassen, dass die Videos irgendwie unter Lütt Matten laufen. Stefans Boot heißt Lütt Matten. Und an Stefan nochmal ein Dankeschön, da mir seine Videos nach der OP viel Freude und Zuversicht gegeben haben.

Martin und Anke
02.06.2026 – auf See – 27°40,12´N / 055°52,60´W (Mittagsposition)

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