… und abgefahren

… und abgefahren

Der große Sprung erfordert einiges an Vorbereitung. Dazu gehört natürlich auch die Inspektion der Technik an Bord. Martin prüft beispielsweise das Rigg beginnend in Decksnähe und bis hinauf auf die Masttoppen. Alle Splinten, Bolzen, Toggles, Spanner, Presshülsen, Drähte usw. schaut er sich genau an und macht Fotos davon.

Abgefahren ist eigentlich der falsche Begriff. Es geht weder um eine abgefahrene Sache noch fahren Schiffe und auch Yachten ab. Die Crews lösen die Leinen, hieven die Anker, gehen auf Fahrt. So haben auch wir die Leinen gelöst, die Mago mit der Muringboje verbunden hat, und später auch die an der Tankstelle. Doch der Reihe nach. Wo sind bzw. waren wir überhaupt? Nun, in English Harbour auf Antigua. Und wenn wir jetzt abfahren fehlen ja die Tage mit Kirsten sowie unsere Zeit auf Dominica und rund um Guadeloupe. Da bleibt nichts, als auf Rückblicke zu vertrösten, die kommen werden, doch aktuell wollen wir halt aktuell sein. 😉

Die Idee, bereits gestern, am Mittwoch, zu starten, haben wir schnell verworfen. Zu stressig gestalteten sich mal wieder die letzten Vorbereitungen. Außerdem machte es auch wettertechnisch nicht so viel Sinn, denn wir würden zu früh dran sein und in eine Flautenzone geraten.

Glück hatten wir, dass Anke erkannte, dass der Kwami, der kam, um unsere Boje in English Harbour abzurechnen auch der Mann war, der diverse Bootsarbeiten anbot. So konnten wir innerhalb von anderthalb Stunden zwei Taucher organisieren, die unseren Kiel, das Ruder und vor allem den Propeller säuberten.  

Zufallsfoto bei einem mißglückten Versuch, den Toggle im Vordergrung abzubilden. Martin im Masttopp, ist doch auch mal schön, nicht nur immer im Maschinenraum.

Außerdem war es nun höchste Zeit, ein seltsames Problem mit einem Verteiler für Seewasser anzugehen. Martin hat den Verteiler, das sogenannte Manifold, ausgebaut und stochert herum.

Weshalb füllten sich bestimmte Schläuche statt mit Seewasser zunehmend mit Luft? Das durfte niccht sein und würde den Wassermacher außer Gefecht setzen. Letztlich war die Ursache eine Verstopfung. Genauer zwei: …

Verstopfung 1: Engländer würden wahrscheinlich sagen perfect match. Eine kleine Muschel hat sich in den Schläuchen entwickelt und ihre Schale ist zu einem perfekt passenden Verschluss geworden.

Verstopfung 2: Noch ein nahezu perfekter Verschlußkörper: Eine Haarige Triton-Schnecke (Monoplex pilearis) hatte es sich im Manifold bequem gemacht. Der rundliche Querschnitt ist ebenfalls ein fast perfekter Treffer. Das Ding fiel Martin plötzlich entgegen.
Anke hat neben Stau-, Räum- und Putzarbeiten die Ausholerleine für das Besansegel vom schadhaften Ende befreit, neu angeschlagen und neu betakelt.

Nach letzten Einkäufen, Anke meint, dass der Einkauf im Supermarkt Covent Garden der teuerste überhaupt in der Karibik war, mussten wir all die erworbenen Gemüse, Käse, Fleischwaren usw. nur noch stauen. Wir müssen der Fairnis halber erwähnen, dass die Gemüse an einem kleinen Straßenstand mit einem angeblich stets grimmigen Besitzer, der bei uns gar nicht grimmig war, sondern witzig, vernünftig bepreist waren und auch der Yoghurt in einem kleinen Tante-Emma-Supermarkt kostete auch nicht mehr als in Deutschland. Wohlgemerkt echter, griechischer Yoghurt!

Andere Vorbereitungen müssen sicherstellen, dass wir unterwegs nicht verhungern. Im nahe gelegenen Covent Garden Supermarkt, der erfreulicherweise einen eigenen Dinghi-Anleger bietet, finden sich erstaunliche Gebindegrößen. Ketchup, Mayo, Sojasauce in Restaurantküchen-Dimensionen. Leider ist das Vergnügen nicht gerade preiswert. Anke meint, dass wäre der teuerste Supermarkteinkauf in der ganzen Karibik gewesen. Nicht bezogen auf die Endsumme, sondern auf das Preis-Ertragsniveau.

Mit am teuersten waren das Hackfleisch und ein Rinderfilet, das ich kurz entschlossen in den Einkaufswagen schummelte; ähnlich wie die beiden Lachsportionen und die Jakobsmuscheln (beides gefroren natürlich). Der kritische Leser mag daran erkennen, dass es nicht nur ums Darben ging, sondern ein wenig auch um das Wohlbefinden auf See. Bis Mindelo hatten wir nie vor großen Törns vorgekocht, aber damals hatte Anke vor dem Atlantiktörn einen Frikadellenvorrat gebraten, der schneller verschwand, als man hinschauen konnte. So kam es, dass ich Vorkochgegner diesmal darauf drängte, Frikadellen in großer Zahl vorzubereiten.

Erstaunlich, doch nach der Fleischkneterei hatten wir zu guter Letzt sogar noch Zeit, am späteren Nachmittag den Middle Ground Trail zu erwandern.

Ein letzter Spaziergang – auf den Bastionen an der Einfahrt zum English Harbour.
Hübsch farbiges Gemäuer. Wir wundern uns, wieviel verschiedene Gesteinsarten beim Bau der Baracken dieser Befestigungsanlagen zur Anwendung kamen.
Und nachdem Anke plötzlich verschwunden war, fand ich sie in einem dunklen Pulvermagazin. Anke und die dunklen Löcher. Bloß gut, dass es hier kein Pulver mehr gibt.
Anschließend gönnen wir uns noch den Middle Ground Trail, der zunächst auch einiige Kletterei verlangt.

Teilweise ist der Trail schon extrem steil, und wenn es regnet wird man über die ausgelegten Taue dankbar sein.

Dafür bietet er an den richtigen Stellen nette „Pausenbänke“.

Zahlreiche hübsche Kakteen begleiten den Trail. Gerade beginnt die Blütensaison. Es handelt sich um die Art Melocactus azureus. Ob es auch einen deutschen Namen gibt, haben wir auf See einfach nicht mehr recherchieren wollen.

Schöne Aussichten von den alten Bastionen, die der Middle Ground Trail verbindet. Hier die über dem Pigeon Point an der Einfahrt zum Falmouth Harbour.

Auf den Hängen gegen Ende des Trails hat man den Eindruck, durch Epiphytenwälder zu wandeln.

Am Ende des Trails wartet ein Café-Restaurant auf uns müde Wanderer. Wir können den Ober gerade noch bremsen – wir wollen nur etwas trinken, nicht essen. So kommen wir verblüfft zu zwei Corona á 355 ml und 500 ml Sprudelwasser für schlappe 26 USD. Da essen wir lieber im nahe gelegenen Yacht Club des Falmouth Harbour, dessen Club-Restaurant unter anderem leckeres Sushi zu normalen Preise bereiten. Dass wir nochmal essen gehen hat den Vorteil, dass wir keine Arbeit mehr haben mit Zubereitung und Abwasch, zumal wir an diesem letzten Abend die oben bereits vorbereiteten Frikadellen noch braten müssen.

Der nächste Tag, also gestern, oder sicherheitshalber der 28.05. Wir liegen navch dem dritten Anlauf an der Tanke. Kurz vor dem ersten Anlegen fiel uns auf, dass wir keine Fender draußen hatten. (Da liegt man mal ein paar Tage an einer Mooring, und schon hat man vergessen, dass Feder mehr sind als nur Relingsverzierungen.) Na gut, machen wir eine Ehrenrunde. Beim zweiten Anlauf hat Anke, die ungekrönte Meisterin im Leinenwerfen, den ersten Poller nicht erwischt, da sie eine andere, schwerere Leine als gewöhnlich nutzte, den zweiten Poller dann doch, aber da hüpfte die Leine von der Klampe am Boot. Auch eine Premiere! Also noch eine Ehrenrunde. Beim dritten Versuch hat es dann geklappt und wir bunkern 500 Liter Wasser, 11 Gallonen Diesel und 1 Sack Eiswürfel.
Und dann sind wir unterwegs. Vorbei an Barbuda und erst einmal schlicht nordwärts.
Die erste Nacht auf See steht bevor.
Und dann ist sie da, die erste Nacht auf See.

Und damit verabschieden wir uns in die Nacht und ins Reich der Träume und der Wachwechsel,
je nachdem.
Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass die Azoren Ziel dieses Trips sind. 😊

Martin und Anke
28.05.2026 – auf See – 18°05,20´N / 062°06,79´W (Mitternachtsposition)

Ein Kommentar zu „… und abgefahren

  1. Ihr Lieben,
    wow, jetzt geht’s tatsächlich quasi wieder zurück Richtung old Europe! Ich wünsche euch eine sehr geschmeidige Überfahrt, faire Winde, ausreichend Frikadellen und viel Freude auf dem freien Meer!
    Es grüßt herzlich Martina, ab Montag Rentnerin, aber immer noch ein bisschen Aktivrentnerin 😘

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert