Der Eindruck kommt nicht von ungefähr, dass Faial für unsereinen nur aus dem Hafen von Horta mit seinen Mauern und Peters Café Sport besteht. Auch wenn das nicht völlig in Abrede gestellt werden kann, so trifft der Eindruck dennoch nicht zu. Da gibt es beispielsweise die Paderia, bei der Martin fast jeden Morgen frische Brötchen holt. Und dort wie überall hier die liebenswerten (einheimischen) Menschen, die man trifft. Am bemerkenswertesten ist die Atmosphäre, die in Horta herrscht. Ruhig, entspannt, willkommend und einfach nur angenehm. Und gelegentlich wird gefeiert. Man ist ziemlich schnell geneigt, auf Faial Wurzeln zu schlagen. Und unwillkürlich stellt man sich die Frage, ob man über Faial, Horta oder die Azoren insgesamt überhaupt etwas berichten soll. Zuviel Bericht bedeutet zu viel Bekanntheit, zu viel Werbung, zuviel Besuch und damit Änderung des Bestehenden. Und irgendwann sind diese Inseln nicht mehr das, was sie waren bzw. heute sind. An so vielen Ecken der Welt kann man vergleichbare und nicht immer glückliche Entwicklungen nachvollziehen.
Doch das ist müßig. Die Welt war immer und wird immer in stetem Wandel begriffen sein. Unsere Erinnerungen verblassen und die, die auf uns folgen, werden ihre Erinnerungen gewinnen, feiern und genießen und wieder aufgeben und verlieren müssen. Und daher folgen nun, durchaus wohlgemut, ein paar Eindrücke von Faial und Pico, der Nachbarinsel, deren Gipfel wir jeden Morgen in verändertem Wolkenkleid bewundern konnten, sofern sich dieser Gipfel nicht schamhaft vollständig verbarg.
Ausflug auf die Höhen Faials. Im Grunde ist die Insel ja nur eine vulkanische Aufblähung. Die erste Ebene unseres „Aufstiegs“ ist erreicht, mit Blick auf den Pico, auch nur vulkanisch aufgebläht, aber unbestreitbar mit einem Gipfelzipfel versehen.Mike Saunders schrieb bei seiner Annäherung an die Azoreninsel Faial, wenn ich mich recht erinnere, dass sie (seine Familie und er) sich erkennbar altem, kultiviertem Land näherten, was er als sehr angenehm empfand. Die sichtbar bewirtschafteten, von Hecken und Mauern gesäumten Parzellen vermitteln auch heute noch diesen Eindruck. Für Interessierte: Mike Saunders „Die Walkabouts“. Die Geschichte einer rhodesischen Familie, die in den sechziger Jahren den Umweg über Mosambik wählen musste, um Rhodesien zu verlassen und per Yacht von dort nach England auswanderte. Spannend und lebaft geschildert und von Beate Kammler (!) phantastisch übersetzt. Heute leider nur noch antiquarisch zu beschaffen, doch unbedingt lesens-, also empfehlenswert.Auf den Azoren liebt man es, wenn alle Gemäuer gut gepflegt aussehen. Und so wird anlässlich von Festen und Jubiläen, doch auch ohne äußeren Anlaß viel Wert darauf gelegt, Häuser und Gemäuer mit frischer Farbe zu versehen. Das gilt auch für Aussichtspunkte und Picknickplätze.Entlang der Straßen und an den Mauern, die die Felder gliedern, blühen Hortensien. Der Pflanzenname und der Name der Stadt Horta haben übrigens nichts miteinander zu tun. Der Name der Stadt bezieht sich auf den flämischen Gründer Josse de Hurtere. Der Ursprung des Pflanzennamens ist unklar. Möglicherweise bezieht er sich auf die Französin Hortense Barré oder die Astronomin Nicole-Reine „Hortense“ Lepaute, die durch den Botaniker Philibert Commerson auf diese Weise geehrt wurden. Eine andere Erklärung wäre eine Ableitung vom lateinischen Wort hortus, also dem Garten.Nach kurzer Fahrt ist die Höhe der Wolken und damit der Parkplatz an der Caldeira erreicht, die so ziemlich den Mittelpunkt der Insel markiert. Von ihrem Rand aus wieder ein herrlicher Ausblick auf den Pico, dessen Gipfel wir bei der folgenden Wanderung beständig sehen werden. Wir haben nämlich unverschämtes Wetterglück: Ein Tag mit perfektem und ungestörtem Sonnenschein. Die Wolken bleiben beständig unterhalb des Kraterrandes und damit auch außerhalb der Caldeira sowie unseres Pfades.Rund um den Rand der Caldeira geht’s.Was haben wir für ein Wetterglück! Die ganzen letzten Wochen war die Caldeira wolkenverhangen.Ohne WorteDer Pfad entlang des Kraterrandes ist von Gestrüpp begleitet, das nur selten mal hoch genug ist, um Schatten zu spenden.Beim Blick über den „Tellerrand“ kommen Erinnerungen an Reinhard May auf – „Über den Wolken …“… wachsen auch Erdbeeren. Häufig sind Kraterrand und Caldeira von Wolken umschlossen und gefüllt, was zumindest Stefan Finger zu der These veranlasst hat, hier, in dieser Caldeira werde das Azorenhoch gebraut. Und in der Tat, hier kann es auch anders aussehen.Wir sind allerdings dankbar, dass hier heute gar nichts gekocht wird und der Kochkessel friedlich und einsehbar unter uns liegt.Dass Vulkanismus sich auch heute noch ganz anders auswirken kann, zeigt unser anschließender Ausflug zum Faro da Ponta dos Capelinhos. Eine karge, vegetationslose Landschaft erwartet uns, die ein von September 1957 bis November 1958 andauernder Vulkanausbruch geschaffen und dabei auch das zweistöckige Gebäude, auf dem der Faro steht, bis zum Obergeschoss verschüttet hat.In der Umgebung des Faro bieten sich kurze und lange Wanderungen an. Nachdem wir heute schon die Caldeira umrundet haben, beschränken wir uns auf eine kurze Variante bergauf …… und noch einen kleinen Abstecher bergab. (Anke beklagt sich, dass ich stöhne. Offenbar vergisst sie gelegentlich, dass ich keine Zwanzig mehr bin.)
Nach unserem Ausflug prüfen wir das Wasser, wie dieses Mädchen, und beschließen, die Insel Pico mit dem Pico-Gipfelzipfel, der uns ja tagtäglich lockt, per Fähre zu besuchen.
Da ist er wieder, der Pico. Wir sind per Fähre auf Pico übergesetzt, haben uns einen Mietwagen organisiert und streifen nun umher. Erster Eindruck von Pico, der Insel: verbreitetes Tierleben. Irgendwie logisch, denn irgendwoher muss die Azorenmilch ja herkommen.Zweiter Eindruck: Wie überall auf den Azoren rahmen Hortensien unseren Weg. Die anderen Wege und Straßen übrigens auch.Und wie überall lohnt ein Blick in die Nischen. In einer Viehtränke gelingt uns der Schnappschuß eines Iberischen Wasserfrosches (Pelophylax perezi). Ursprünglich gab es auf den Azoren keine Frösche. Diese Art wurde im 19. Jahrhundert auf den Azoren eingeführt und ist heute auf allen Inseln anzutreffen.Unweit der Froschtränke gibt es ein nicht ganz kleines Loch, in das zwei kaum gesicherte Stufenwege hinabführen. Wir hatten uns natürlich infomiert, und dank einer Handvoll an der Straße parkender Pkw waren die Furna do Frei Matias genannten Höhlen einfach zu finden. Wir hätten sie eh nicht verfehlen können, ist doch Anke von solchen Löchern magisch angezogen. Vielleicht auch magnetisch. Wie auch immer, eh ich mich versehe befindet sie sich schon eine Ebene tiefer und strebt auf einen ersten Lavatunnel zu.Blick zurück. Das Schöne hier sind Stufen, die jedes Gespür für Schrittmass verhöhnen (Architekten und Landschaftsarchitekten wissen, was ich meine.) Keinerlei Sicherungen. Jeder Besucher muss sich eigenverantwortlich über Risiken klar sein. Das es so etwas noch gibt! Immerhin befinden wir uns im weitesten Sinne in der EU!Anke und die Höhlen: Da muss es doch hinter der Kurve weiter gehen …Und tatsächlich, es geht weiter. Der Tunnel wird geräumig. Wir folgen ihm mit einer Headlamp und unseren Handyfunzeln. (In der Schule hätte es wahrscheinlich einen Eintrag ins Klassenbuch gegeben: Völlig unvorbereitet auf Exkursion!!!) Irgendwann nach rund 70 bis 100 mal mehr, mal weniger gestolperten Metern kommen wir zu der Erkenntnis, dass ein Ende dieses Lavatunnels nicht abzusehen ist und kehren um. Anfangs mussten wir ein paar Meter auf unsere Köpfe achten, so niedrig war der Tunnel, doch dann hatten wir beständig zwischen vier und fünf Metern Höhe, wie James Bond sagen würde: gefühlt, nicht gemessen.Raus aus dem Tunnel, rein in die nächste Höhle – wir befinden uns noch immer deutlich unter Oberflächenniveau. Das viele Grünzeug täuscht.An dieser Höhle ist interessant, dass der Lavatunnel eine Zwischenebene besitzt … … Man könnte also auch über Ankes Kopf in der Höhle wandeln. Die Tragfähigkeit des Gesteins ist allerdings rätselhaft, daher vermeidet jeder einen Gang auf Level Zwo. …
Diese Höhle ist allerdings eine eindeutige und früh als solche wahrnehmbare Sackgasse. Diese Erkenntnis widerspiegelt sich zweifellos in Martins verdutztem Gesichtsausdruck nachdem er erste Schritte in Level eins hinter sich gebracht hat. Ende im Gelände mit Tageslicht im Rücken. Da war der vorherige Tunnel doch ein anderes Kaliber.
… Also kehren wir um und stoßen direkt auf einen dritten Tunnel, den wir zuvor noch gar nicht wahrgenommen hatten. Und der verfügt sogar über einen von Tageslicht erleuchteten Ausgang. Das ist er, der Ausgang. Und Anke ist glücklich, denn drei dunkle, ungesicherte Höhlen auf einen Streich, das hatte sie noch nie!Man wundert sich, dass die Rindviecher, die diese Weide in Gemeinsamkeit mit den Touristen bevölkern, nicht in dieses Tunnel-Ausgangsloch fallen. Im Hintergrund schimmert Faial.Das Fahren auf Picos Straßen ist nicht ohne Würze, da man unerwartet auf frei laufende Rinder stoßen kann. Genau genommen werden sie von einer Weide zur anderen getrieben. Manchmal vom Rinderhirten zu Fuß, manchmal per Moped, manchmal per Pickup. Die hier benötigen keine Begleitung, die klugen Tiere finden ihren Weg offenbar selbstständig. Seltsamerweise kommen die Rindviecher uns nie entgegen sondern sind stets in gleicher Richtung unterwegs.Immer geradeaus.Zwischenstopp an der Laguna do Capitan. (Irgendwie hat das Handy plötzlich Probleme mit den Farben. Müssen wohl mal die Einstellungen prüfen.)Spannende Kronenlandschaft in den alten Bäumen.An der Nordküste der Insel finden sich zahlreiche Häuschen, die sich wohlhabende Portugiesen und Amerikaner, aber auch eine Reihe Europäer in die Lavalandschaft gesetzt haben. Immer mit Blick auf den Pico und das Meer, letzteres soeben hinter dem Fotografen verborgen.Pico ist das Zentrum des azorischen Weinbaus. Und der Pico hat eine ungewöhnliche Kappe aufgesetzt.
Die alten Mühlen sind nicht mehr in Betrieb, stehen nur noch hier und da als Kulturdenkmal.
Zu den Annehmlichkeiten der Azoren gehört, man feiert gerne. So erlebten wir in Horta ein Fest mit, bei dem wir gar nicht wußten, worum es geht, und das wir teilweise auch verpasst haben, da sich das spontane TO-Treffen mit einer Abendveranstaltung überschnitt, bei der anscheinend viel Akrobatik geboten wurde.
Seltsame Gestalten steigen von einem seltsamen Katamaran und werden auf dem Platz neben der Festung am Hafen empfangen.
Seltsame Gestalten halt, die sich bald sammeln und …
… ein Fest mit Musik und Schabernack beginnen, so scheint es. Auf die Rucksäcke der Musiker achten, und auf den seltamen Vogel. Die Kinder jedenfalls sind mehr als angetan und machen immer zahlreicher mit, je länger der Spaß dauert..Ein paar Tage später sind die Gebäude an der Uferpromenade geschmückt bzw. illumiert …
Allerorten schweben Quallen, ab und zu auch Mantas (Rochen, nicht das Auto, Mann Manni!) und sogar aufgeblasene und von innen beleuchtete Wale im Nachthimmel umher.
Die Quallen sind zum Greifen nah.
Da und dort leuchtet eine riesige Perlmuschel und findet im Lauf des Abends großen Anklang bei den Kindern. Für sie ist es dann das Größte, in der Muschel zu sitzen. Man erkennt am Rande, warum es anscheinend das „Weiße Fest“ ist: Die meisten Menschen haben sich weiß gekleidet. Anders als in Santa Cruz de La Palma wird hier aber nicht mit Talkum herumgepulvert. Und zum Schluss spielt eine Band am Platz neben der Festung. Die haben Anke und ich bereits am Vorabend in einer Kneipe genießen können. Hübsch bunt hier. Für die Jugend gibt es noch eine Extraband auf Extrabühne weit weg, wo sie beim Toben niemand stören.
Irgendwann geht allerdings auch ein Weißes Fest zu Ende. Wir nutzen die Gelegenheit und sagen
„Immer feste feiern!“ oder auch „Immer Feste feiern!“