Legenden (#2) – Peters Café
Vollständig heißt es eigentlich Peters Café Sport. Schon in den ersten Büchern, die wir verschlangen, als uns die Idee vom Blauwassersegeln in Studentenzeiten infiziert hatte, tauchte dieses Café in Horta auf der Azoreninsel Fajal auf. Der namengebende Peter hieß eigentlich José Azevedo und war Sohn des Gründers des Café Sport. Der Name Peter geht auf den Spitznamen zurück, den ihm ein englischer Offizier gab, da er den Namen José nicht gut aussprechen konnte und da ihn besagter José an seinen eigenen Sohn Peter erinnerte. Man muss Peter daher eigentlich mit englischem e = i also Pieter aussprechen. Die Historie des Cafés ist in → Wikipedia gut beschrieben, daher verzichten wir hier auf mehr Geschreibsel. 1986, mithin ein Jahr vor Ende des Walfangs auf Horta im Jahr 1987 wurde das Café übrigens um ein hochinteressantes Museum ergänzt, das vorwiegend Scrimshaws ausstellt. Wie sich heute zeigt, eine sehr weitsichtige Entscheidung. Mittlerweile wird das Café von der dritten und vierten Generation der Familie betrieben und die fünfte Generation stürmt schon zwischen Tischen, Stühlen und Besuchern umher, sofern sie nicht bereits ins Bett gescheucht wurde. Das Café Sport hat sich von der eigentlichen Kneipe aus über mehrere Gebäude in der Breite entwickelt und umfasst inzwischen eine Café-Kneipe, einen weitern Raum als Ausweich-Restaurantbetrieb, einen Souvenirverkauf und das besagte Museum. Außerdem ist das Familienunternehmen beim Whalewatching aktiv und betreibt eine Werkstatt für die Yachties. Die ursprünglichen Aktivitäten, also Café- und Barbetrieb sowie Restaurant haben sich inzwischen auch auf eine große Fläche auf der Uferpromenade ausgedehnt. Und der Laden brummt. Natürlich ist es ein Saisongeschäft, dennoch kann man hier ein tolles Beispiel für Unternehmergeist und geschickte Unternehmensführung sehen.






Ein vergilbtes Foto und drei Zeilen.
Sir Francis Chichester beehrte 1971 mit Gipsy Moth V Horta und natürlich das Café Sport.

Die Fischkind-Crew hat sich offensichtlich nicht nur auf der Mauer (temporär) verewigt, sondern ihren Besuch auch bei Peter bestätigt.


Auch TO-Segler haben sich verewigt und hier – platzsparend – einen Stander gemeinsam genutzt. Auch eine gute Idee. Lesen kann man die Namen von Tjalk, Stuiste, Anixi, Globi, Noordenwind …

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Scrimshaw
Über dem Café befindet sich – zugänglich über eine alte, hölzerne Treppe das Scrimshaw-Museum. Viele Exponate stammen aus neuerer Zeit und wurden von lokalen Künstlern gefertigt, die ihre Werke auch bei Peter verkaufen. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall. Zumal dort oben zwar eine verstaubte Museumsatmosphäre zu herrschen scheint wie in einem alten Kleinstadtheimatmuseum unserer Kindheit. Doch dann tritt eine lebhafte Dame auf und erläutert Museum und Exponate und alles wird lebendig.

Etwas länglich ist er ja geraten, der olle Infante Henrique (alt und Infante ist ja ein Widerspruch, ich geb´s zu, aber ich hab´s nicht erfunden). Aber einer der heimischen Künstler war erkennbar der Meinung, dass man die Wurzeln der Blauwassersegelei nicht weit genug in der Vergangenheit suchen kann und hat Heinrich, den Seefahrer, als Motiv gewählt. Immerhin war er für die Seefahrt, die Fortentwicklung der Navigation sowie für die wirtschaftliche Entwicklung des damaligen Portugal und letztlich auch des europäischen Kontinents von entscheidender Bedeutung. Daher haben wir dem Guten vor einiger Zeit schon → einen eigenen Blogbeitrag gewidmet, der hier verlinkt ist. Und auch auf dem Zahn ist Heinrich mit der charakteristischen Kopfbedeckung dargestellt, die er nach übereinstimmender Meinung der Historiker jedoch nie getragen hat.


Da wir mit dem ollen Henrique schon weit in der Vergangenheit waren, wollen wir chronologisch vorgehen. Der Ururgroßvater aller Yachties ist unbestritten der gute, alte Joshua Slocum. Mit seiner Spray umsegelte er von 1895 bis 1898 die Welt. Einhand, also allein! Die Reise begann er nahe Halifax und beendete sie in Newport, Rhode Island. Er veröffentlichte über diese Reise ein noch heute lesenswertes Buch, auch da Slocum darin hin und wieder eine kleine Prise Seemannsgarn spinnt. – Gravur auf einer Beinplatte.
Der zweite, geradezu absurd erscheinende Einhandsegler auf extremer Route war Vito Dumas. Der Argentinier umsegelte die Welt von Juni 1942 bis August 1943 und sein Weg führte von Buenos Aires nach Buenos Aires. Einhand. Mehr oder weniger auf einer Route, die dem 40. Breitengrad folgte. Er bewegte sich also entlang der berüchtigten Roaring Fourties. Sein Bötchen, die Ketsch Legh III war bescheidene 31 Fuß lang, also rund 9,5 m. Auf seiner Reise machte er nur 3 Stopps. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Reise während des Zweiten Weltkriegs erfolgte. Wir hatten das große Glück, während unserer Weltumseglung mit Just do it die Legh III in Buenos Aires besuchen zu können.


Das Motiv dieses Zahns erinnert an die denkwürdige Fahrt Thor Heyerdals mit dem Balsa-Floß Kon Tiki. Die Fahrt führte von Peru zu den Tuamotus, wo sie auf einem Riff endete. Sie dauerte von April bis August 1947, wobei die Crew rund 3.730 Seemeilen zurücklegte. Ein beeindruckendes Abenteuer, wenn man sich überlegt, wann diese Reise stattfand. Heyerdahl wollte die Theorie, nach der der Pazifik von Südamerika aus besiedelt wurde, bekräftigen. Heute gilt diese Theorie als widerlegt.
Sir Francis Chichester hatten wir weiter oben bereits erwähnt. Ein außergewöhnlicher Charakter, der vor seiner Segelkarriere schon einige aeronautische Extremleistungen erbracht hatte. So flog er 1930 allein von Croydon in England nach Darwin in Australien, damals eine sehr risikobehaftete, sensationelle Erstleistung. Nach einer glücklich überstandenen Lungenkrebsepisode widmete er sich dem Segelsport. 1960 nahm er an der ersten Einhand-Trans-Atlantik-Regatta (OSTAR) teil und wurde mit seiner Gypsy Moth III auf Anhieb zweiter. Von August 1966 bis Mai 1967 unternahm er mit Gypsy Moth IV eine Einhand-Weltumseglung von Plymouth nach Plymouth, bei der er nur einen einzigen Stopp in Sydney einlegte. Diese Reise brachte ihm die Ehre des Ritterschlags durch Queen Elizabeth II. ein.




Sir Peter Blake – wie man sieht ebenfalls geadelt von der Queen – ist eine neuseeländische Legende. Er gewann u.a. das Whitbread Round the World Race 1989-1990. 1994 errang er zusammen mit Sir Robin Knox-Johnston die Jules Verne Trophy für die schnellste bis dahin gemachte Nonstop-Weltumseglung, die 74 Tage, 22 Stunden, 17 Minuten und 22 Sekunden dauerte. Ja es kommt auch auf die Sekunden an! Am 05.12.2001 wurde er bei einem Überfall auf sein Boot im Mündungsdelta des Amazonas erschossen.
Etwas unvorteilhaft graviert: Dame Ellen McArthur. Als erste Frau gelang ihr 2001 mit ihrer Kingfisher in der Einhand-Regatta Vendee-Globe der zweite Platz nach 94 Tagen 23 Stunden und 11 Minuten ohne Sekunden. 2005 errang sie den damaligen Rekord für die schnellste Einhand-Weltumseglung mit 71 Tagen, 14 Stunden, 18 Minuten und (tatsächlich wieder) 33 Sekunden mit B&Q/Castorama. Für ihre Leistungen wurde sie von der Queen zur Dame gekührt, dem weiblichen Equivalent zum Sir.


Jean Le Cam gelangte aufgrund der Umstände, die zwei seiner Regattateilnahmen auszeichneten, zu weltweiter Bekanntschaft. Bei seiner zweiten Teilnahme an der Vendée Globe 2008/2009 verlor Le Cam rund 200 Seemeilen westlich von Kap Hoorn die Kielbombe. Er harrte 16 Stunden im kieloben treibenden Boot aus, bis ihn sein Mitbewerber Vincent Riou retten konnte. Zwölf Jahre später, bei der Vendée Globe 2020/2021 empfing er den Notruf des Kevin Escoffier, der etwa 600 Seemeilen südwestlich des Kaps der Guten Hoffnung sein Boot verlor. Der zum fünften Mal an dieser Regatta teilnehmende Le Cam konnte Escoffier in dessen Rettungsinsel finden und schließlich auch auf seine Yes we Cam! aufnehmen. Ein Vorgang der aufgrund der äußeren Umstände erheblich schwieriger war, als es sich vielleicht anhört.
Keine Regatten, außer vielleicht auf dem Ammersee, auf der Susanne Huber das Segeln lernte. Dafür eine Seglerin, die auf ihre Weise als Ausnahmeerscheinung angesehen werden muss. Zweimal hat sie an der Longue Route teilgenommen (2018 und 2024), die an das erste Golden Globe Race (vgl. o.) erinnert. Als erste Frau segelte sie einhand, also allein, durch die Nordwest-Passage. Für diese Reise erhielt sie vom angesehenen OCC 2017 den Barton Cup für die außergewöhnlichste Reise des Jahres. Der Seamanship Award des OCC wurde Susanne 2019 für die erfolgreiche Teilnahme an der Longue Route 2018/19 verliehen. 2025 erhielt sie den Barton Cup ein weiteres Mal für ihre 33.532 Seemeilen lange Nonstop-Weltumseglung. Der Trans-Ocean e.V. (TO) ehrte Susanne 2011 für ihre damals 20ste Ozeanüberquerung, 2017 wie der OCC für die Einhand-Reise durch die Nordwestpassage und 2020 für ihre Nonstop-Einhand Weltumseglung im Rahmen der Longue Route mit dem Trans-Ocean-Preis. 2025 wurde Susanne wegen der beim OCC schon genannten Reise erneut mit diesem Preis ausgezeichnet. Sie ist somit die erste Person, die diesen Preis des TO viermal erhielt. Da verliert man echt den Überblick, Fehler seien also verziehen. Bei Susanne weiß man beim Verlassen eines Hafens nie so genau, wo es hingeht und wie lange die Reise wohl dauern wird. Nach eigenen, augenzwinkernden Worten wird sie wohl auch ihre letzte Reise an Bord ihrer Nehaj antreten, aber soweit ist es noch lange nicht. Doch das ist eh uninteressant, toll ist, dass wir Susanne hier begegnen und mit ihr wunderschöne Stunden verbringen.




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Zurück ins brodelnde Leben
Peters Café wird so langsam zur zweiten Heimat. Wir bekommen schon Kredit, wenn wir mal unser Geld vergessen haben und werden von João stets persönlich aufs Herzlichste begrüßt. Und dann schlagen wir noch zu.




PS: Damit bekommt auch das am Anfang gezeigte Foto von João und Martin eine neue Bedeutung. Die erworbene Arbeit war bereits verpackt, daher posierten die beiden mit einer / einem anderen Scrimshaw (bis dato habe ich das Geschlecht eines / einer Scrimshaw entsprechend der deutschen Rechtschreibung nicht herausfinden können). Nicht vorenthalten wollen wir auch die Künstlerin, die unseren Zahn graviert hat: Claudia Furtado.
Schließlich blieb noch eine Aufgabe, die unverzichtbar war: Unsere Erinnerung gestalten. Also: Farben kaufen. Eine geeignete Fläche finden, säubern, entfetten, grundieren. Einen Entwurf gestalten, der in die Fläche paßt, eine Folienschablone fertigen und vorsichtig mit Bleistift skizzieren. Um die Knie zu schonen haben wir eine Gummimatte bereit gelegt. Und ein Hocker steht auch zur Verfügung. Anke setzt den ersten Pinseltupfen. Der Supervisor hat den benötigten Schmierstoff erhalten und ein Zauberstab liegt auch schon bereit.


Der Entwurf lässt sich erahnen.



Und damit ist der Cliffhanger vom letzten Beitrag aufgelöst.
Von der Horta-Mauer grüßen Euch
Anke und Martin
