In Angra do Heroísmo

Wir finden den ungewöhnlichen Ortsnamen Angra do Heroísmo so schön und besonders, daher soll er auch die Titelzeile des Blogbeitrags zieren. Die Einheimischen nuscheln sich irgendwie ein für unsereinen unmöglich reproduzierbares Angraoudeuísmo zurecht, bei dem man sich unwillkürlich fragt, ob es sich um ein Angra des Tourismus handelt. Egal. Für uns markiert der Ort einen weiteren Stopp auf den Azoren. Längst haben wir gemerkt, dass diese Inseln beginnen, uns festzuhalten. Sie wollen uns nicht mehr fortziehen lassen, und ein wenig geben wir dem nach und verlängern unseren Aufenthalt Woche um Woche (und unsere Blogbeiträge verharren hier ebenfalls). Daher befinden wir uns nun folgerichtig nicht etwa auf dem Weg nach Ponta Delgada auf São Miguel, was so etwas wie eine letzte Station wäre, oder gar nach Madeira, sondern nachdem wir der Südküste von São Jorge gefolgt sind, legen wir das Ruder und halten Kurs nordöstlich in Richtung eben dieses Angra do Heroísmo.

* Alle Bavaria-Eigner mögen mir verzeihen. Gelegentlich überwältigen mich noch Phasen kindlicher Unreife – wahrscheinlich Auswirkungen altersbedingter Effekte. Also nochmal, man sehe mir, Martin, derartige Anwandlungen nach.


Wie weiland Vasco da Gama eilen wir kurz nach unserer Ankunft an Land und beginnen erste Streifzüge. Die Beweggründe sind natürlich sehr verschieden. Nachdem Vasco da Gama 1498 als erster Europäer Indien auf dem Seeweg erreicht hatte, lief er im Folgejahr auf dem Rückweg nach Portugal diesen Naturhafen im Süden von Terceira an. Grund war die Erkrankung seines Bruders Paolo, der ein Schiff der Flotte Vascos befehligte. Paolo verstarb in Angra und wurde hier auch bestattet.


Angra do Heroísmo ist auf hügeligem Terrain erbaut. So dienen Treppen nicht nur der Zurschaustellung gesellschaftlicher Überlegenheit (Kirche, Obrigkeit, Adelsgeschlechter), sondern schlicht auch praktischen Erfordernissen. Hier der Aufstieg zur Igreja de Nossa Senhora de Carmo.


In einem Park. Eine seltsame Platteninstallation überdeckt einen plätschernden Bachlauf. Nach anfänglichem Zögern schlussfolgern wir, dass dies eine Art Weg ist und nutzen die Platten für unseren Aufstieg. Genau richtig, wie sich zeigt.


Schließlich ist das Ziel erreicht. Das Denkmal für Dom Pedro IV., König von Portugal und als Peter I. Kaiser von Brasilien. Beide Länder bzw. Reiche parallel zu regieren erwies sich als unmöglich, familiäre Rivalitäten und das Ringen zwischen Monarchisten und Liberalisten standen dem entgegen. Terceira war in diesen Auseinandersetzungen zeitweise die letzte Insel unter seiner Herrschaft, weshalb gelegentlich zu hören ist, Angra do Heroísmo sei zeitweise Hauptstadt Portugals gewesen. Von dort aus gelang es dem liberalen Pedro IV. zunächst die Azoren und schließlich ganz Portugal zu gewinnen. Auf sein Wirken geht die Einführung einer konstitutionellen, verfassungs- gestützten Monarchie in Portugal zurück. Ein spannender Charakter und eine spannende Geschichte.




Es macht Spaß, durch die Straßen Angras zu streifen, teils zu schmal für den Autoverkehr. Hier mit Blick auf die Barockkirche Igreja de Misericórdia.


Irgendwo ist auch für Fahrräder und Mopeds Schluss.
Beim Herumstromern finden wir – nicht nur in Angra – dort allerdings besonders häufig – kleine Kapellen, die nur zu besonderen Zeiten Bedeutung erlangen. Hier eins dieser sogenannten Imporios aus dem Jahr 1871. An diesen Stätten findet man sich an Pfingsten zusammen und trinkt und speist gemeinsam.





Begleitet von einer Gymnasiastin können wir die beiden Türme der Kathedrale ersteigen. Das ist recht interessant, da die Türme nicht wie üblich sorgsam gegen Abstürze abgesichert sind. Und es hat den Vorteil, dass uns die Schülerin auch etwas zum Bauwerk selbst erzählen kann.
Leider präsentiert sich die Kathedrale nicht mehr im ursprünglichen Zustand, da sie beim Erdbeben von 1980 und einem späteren Brand schwer beschädigt wurde.



Auf einigen Schaufenstern in Angra fallen uns ausgesprochen charakteristische Malereien auf, die aus dynamisch-organisch geschwungenen, schwarzen Linien auf Glas bestehen. Stellenweise sind die Motive mit alten See- und Landkarten oder Dokumenten hinterlegt. Wir sind fasziniert.




Ohne dass gebuhlt wurde, stolpern wir neben dem eingerüsteten, ehemaligem Zollgebäude über ein winziges Ding, das Geiko in der Rua das Minhas Terras. Interne Spiegel täuschen zunächst über die wahre Größe. Dies winzige Ding müssen wir in der Realität – also unge- täuschter Wahrnehmung – halbieren, dann passt es. Und dies winzige Ding wollen wir an dieser Stelle empfehlen. Müssen wir. Geht gar nicht anders! Wir ordnen es in die Riege der TOP FIVE unserer Sushi-Restaurant-Skala ein. Was bedeutet: Mehr als empfehlens- wert. Die Zubereitungen variieren täglich; kein Teller, keine Schüssel gleichen sich. Selbst die Stühle sind jeweils anders ausgeführt. Hingehen, genießen, sich wohl fühlen!






Das Beitragstitelbild ist ebenfalls während einer Performance entstanden. Sie hat mich beim Foto fixiert, aber eben auch als Teil der Performance. Fotos waren natürlich erlaubt.





Mittlerweile ist reichlich Zeit vergangen und wir haben einige Seemeilen zurückgelegt. Inzwischen sogar Flugmeilen. Ein Zwischenaufenthalt in Deutschland, also in Worpswede, ist angesagt. Wir werden die Zeit nutzen, die Beiträge mal wieder an die Jetztzeit heranzuführen. So bleibt in der Rückschau auf Angra als guter Wunsch:
Rockt mal wieder ab!
Martin und Anke
***
Tipps und Hinweise
Da wir ja schon wieder hinterherhinken, kommt dem Widget „Wo wir sind / Tracking“ besondere Bedeutung zu. Also immer mal dort drauf klicken und schauen, wo wir sind.
Für Segler auf den Kanaren haben wir ein möglicherweise interessantes Angebot zu machen: Wir geben unsere Simpson-Davits ab. Wer daran Interesse hat, der schaut am besten → auf unsere Seite Flohmarkt / Flea Market. Dort werden die Davits beschrieben und abgebildet.
—
Bisher war es aufwendig, auf ältere Blogbeiträge zuzugreifen. Das haben wir geändert. Auf der Seite REISE(N) befindet sich nun als erster Unterpunkt der Zugriff auf alle bisherigen Blogbeiträge, chronologisch gelistet. Einfach auf → Alle Blogbeiträge klicken.
—
Noch nicht wahrgenommen? Unsere Seite besitzt eine Abo-Funktion: Wer in Zukunft keinen Beitrag verpassen will, kann den Blog abonnieren, → und das geht mit Hilfe der Seite Kontakte, oder indem man – ganz einfach – hier klickt.
—
Hohepunkt unserer kulturellen Aktivitäten 2004 – 2009 war der Besuch einer Aufführung im Teatro Colon, Buenos Aires. Eine sagenhafte Erfahrung. Anders herum war auch gefordert: Selbst auftreten mussten wir auf den Marquesas im Rahmen eines Grillfestes, das die Menschen des Dorfes in der Baie D´Hakehatau auf Oa Pu für die Segler veranstalteten. Als Beitrag von Just do it gab Kirstens Mann Phillip Gesangskunst zum besten und Martin hinterließ mit „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern ein leicht verwirrtes Publikum. Wir schildern diese Erfahrungen und vieles mehr in dem Buch, das unsere Weltumsegelung von 2004 bis 2009 beschreibt. Eine Weltumseglung mit einer Aluminium-Reinke Super 11. → Informationen zum Buch und wie Ihr die PDF bestellen könnt, findet Ihr unter diesem Link, also einfach auf diesen Satz klicken.
Das Buch unserer Weltumseglung von 2004 bis 2009:
Just do it – von der Weser in die Welt
323 Seiten, durchgehend mit farbigen Fotos bebildert, diverse Karten, hier und da Einschübe zu besonderen Aspekten, die uns beschäftigten und ein Anhang mit gelegentlich launigen Begriffserklärungen.
Vorerst nur als PDF verfügbar. Das Coverfoto des Buches zeigt Just do it in der Caleta Beaulieu im Beagle-Canal.
Wie Bobby Schenk schreibt: „Ein großes Buch, das pure Lese-Freude schafft. Es ist wahrscheinlich das beste aller Weltumsegelungs-Bücher (vielleicht sogar besser als meine eigenen…)“
