St. Kitts und Nevis

St. Kitts und Nevis

Endlich wieder unterwegs. Irgendwann ließ der Aufbruch sich nicht mehr verschieben, und als es eine Spur von Hoffnung auf einen halbwegs günstigen Windwinkel gab, brachen wir auf.

Endlich wieder unterwegs. Der Aufenthalt in Saint Martin / Sint Maarten hat sich doch unerwartet lang hingezogen und wir geraten unter Zeitdruck. Sonja will uns besuchen. Ihr Flug ist gebucht und Treffpunkt ist Guadeloupe. Als wir in Sint Maarten ankamen, hatten wir angenommen, jede Menge Zeit und Zeitreserve zu haben. Doch dann zogen sich die Arbeiten, die zu tun waren, unerwartet hin. Schlimmer noch, das Wetter wollte nicht mitspielen. Statt der für die Jahreszeit zu erwartenden Winde mit nördlicher Komponente wehte es beständig aus Ostsüdost bis Südost. Überhaupt nicht in unserem Sinne.

Knappe 60 Meilen – Seemeilen natürlich – waren von St. Maarten nach St. Kitts zurückzulegen. Das entspricht rund 110 km. Und die sollte bequem als Tagesetappe zu schaffen sein. Wir würden also bei Tageslicht starten und mit Tageslicht ankommen können. Vor uns ein markanter Vulkanstumpf, der St. Kitts anzeigt – wir liegen also gut im Zeitplan.

Kurz vor dem Ziel St. Kitts. Anke checkt per Handy Emails und ob es neue Nachrichten von Sonja gibt. Auf unserer ersten Reise vor 20 Jahren war so etwas nicht vorstellbar. Da hatten wir anfangs sogar noch 3,5-Zoll-Disketten für Internet-Cafés im Gebrauch. In Chile dann experimentierten wir mit einem Wifi-Verstärker und einer sogenannten Woktenna. Ein in eine wokähnliche Form gebogenes Metallgitter (metallener Garderobengitter aus einem Möbelladen), in das wir den Wifi-Empfänger/Verstärker an genau berechneter Position mittig fixierten. Man kann sich das wie eine Art Parabolantenne vorstellen. Das war durchaus erfolgreich und die Reichweiten wurden auf 1.000 bis 1.500 Meter erhöht. Wer kann sich daran noch erinnern? Heute ist das alles dank Elon Musk und Starlink kein Problem. Man muss den Vielgescholtenen ja auch mal loben.

Damit es Anke dank der Nachrichtenflut nicht zu schwer hat, gibt es Futter. Stärkung. Nervennahrung. Wie man es nennen will. Doritos – sehr zu empfehlen – und Hummus. Obwohl, Nervennahrung war nicht wirkllich erforderlich. Der Schlag nach St. Kitts war zwar unvermeidlich ein Am-Wind-Trip und in der letzten Stunde war der Wind noch so unfein, weiter zu schralen, also südlicher zu drehen, aber das ließen wir uns dann nicht gefallen und haben schlicht und einfach die Maschine angeschmissen, um eine elende Kreuzerei auf den letzen Metern zu vermeiden.

Anke setzt die Gastlandsflagge von St. Kitts und Nevis, einem der vielen kleinen Inselstaaten der Karibik. Man fragt sich, ob die vielen Kleinstaaten gemeinsam nicht mehr erreichen könnten. Aber man kennt das ja. Nationale Befindlichkeiten …

In der Whitehouse Bay empfängt uns Saint Kitts mit dem herrlichen karibischen Regen. Perfekt. So haben wir uns die Karibik immer vorgestellt. Von erträumt reden wir mal besser nicht. Das Positive daran ist allerdings, dass das Boot nach der Segelei schön gespült wird.
Annähernd die gleiche Perspektive bei etwas besserem Wetter. Nicht zu sehen, aber rechts von uns gibt es eine Marina, in der man sogar einklarieren kann. Einziger Schönheitsfehler: Man mag dort nur Super- und Mega-Yachten. Von uns Arme-Leute-Seglern hält man lieber Abstand. Wir dürfen zwecks Einklarierung zwar mit dem Dinghi einfahren, aber als „Dockgebühr“ für unser schlappes Schlauchboot werden nach übereinstimmenden Berichten auf Noforeignland ebenso schlappe 100 US-Dollar verlangt. Wir verzichten und lassen unsere gelbe Q-Flagge, die anzeigt, dass wir noch nicht einklariert sind, weiter flattern. Und wir entschließen uns, zügig nach Nevis weiterzusegeln.
Zuvor wollen wir aber wenigstens der Unterwasserwelt eine kurze Stippvisite gönnen. Auch wenn ohne Scuba-Equpiment, Martin liebt die Tauchermethode, um sich rücklings vom Dinghi ins Wasser zu begegeben.
Anke ist natürlich wenige Sekunden später auch dabei.
Ihr gelingt auch der Schnappschuss des hübschen Waben-Kofferfisches (Lactophrys polygonia).
Ansonsten ist unser Schnorchelausflug nicht spektakulär. Das Wasser ist trübe, in das Gehäuse der GoPro dringt Wasser ein, was die Aufnahmequalität massiv beeinträchtigt und wirklich viel zu entdecken gibt es nicht, schon gar nicht neue und bisher noch nicht gesehene Arten. Aber die Schildkröten sind schon schön!
Martin wird von einer kleinen Schildkröte überholt.
Scheint wirklich nichtssagend, diese Aufnahme. Nun ja, die Objekte der Begierde sind auch schwer zu fassen, besonders für einen Schnorchler. Die unscheinbaren Karibik-Röhrenaale (Heterooconger halis – das gebogene dunkle Würmchen, auf das der rote Pfeil deutet) kommen je nach Neugier mehr oder weniger weit aus ihrer im Sand befindlichen Röhre hervor, sind aber bei Annäherung ruckzuck in dieser verschwunden. Es braucht viel Geduld, sie genauer zu betrachten, die einem Schnorchler mangels Luftvorrat (röchel) kaum gegeben ist. Echte Taucher haben es da einfacher. Oben rechts im Bild sind auch noch vier dieser Tierchen versteckt. Und ob das im Sand vergrabene Gehäuse einer Conch, also einer Fechter-Schnecke (Aliger gigas– blauer Pfeil), noch belebt bzw. bewohnt ist, bezweifeln wir sehr.
Nach dem Schnorcheln kehren wir St. Kitts schnell den Rücken.
Um ehrlich zu sein, nach all den Wochen in Marina und vor Anker: Es ist schön, mal wieder zu segeln und irgendwann zunächst schemenhaft, dann immer farbintensiver das nächste Ziel vor Augen zu haben. – Doch jetzt mal ganz ehrlich, das ist eine irreführende Aussage, zumindest, wenn man sie mit dem Foto in Deckung bringen will. Dies zeigt, wir verlassen St. Kitts.
St. Kitts verblasst mit zunehmendem Abstand …
… und schwupps sind wir in Nevis. Es ist Wochenende und nur bei Immigration und Zoll treffen wir jemand an. Das Hafenmeisterbüro ist nicht besetzt. Doch kein Problem. Das letzte offizielle Dokument können wir auch bei der Zufahrtskontrolle für den kleinen Fähranleger ausfüllen, unterschreiben und abstempeln lassen. Martin und hinter dem Fenster der Beamte bei der Arbeit. Die Offiziellen freuen sich übrigens durchaus über uns Ankömmlinge. …
… So hat uns die Zöllnerin gleich ein paar touristische Tipps gegeben und zudem nahegelegt, das Sunshines aufzusuchen. Und zwar unbedingt.
Martin hat den Eingang der Strandbar entdeckt.
Und wir sollten dort unbedingt zwei Killer Bee trinken und bei der Bestellung auch ihre Empfehlung betonen. Was wir auch artig gemacht haben. Gut, dass die Zahl zwei sich auf uns beide bezog. Zwei Killer Bee für jeden von uns wäre auch unser gedoppelter Tod gewesen. Interessant, dass das Getränk nicht direkt unter den Cocktails gelistet ist. Doch es ist verfügbar und wird anscheinend auch immer wieder empfohlen …
Abendliche Stimmung
Nevis scheint uns eine Insel, in der das ursprünglich Karibische noch etwas besser zu ahnen ist. Es gibt kleine Sträßchen in Charlestown, der Inselhaupstadt, an denen kleine Häuschen stehen …
… es gibt einige wenige größere Straßen, die von Häusern der Händler und Handwerker gesäumt werden – hier bei der nachmittäglichen Rushhour …
… und an einem kleinen Platz, an dem die größten dieser Häuser stehen, findet sich das Denkmal des ersten Premiers der Insel (nach der Unabhängigkeit): Sir Simeon Daniel. Vielleicht nur eine Anekdote, doch irgendwie von besonderem Reiz – Sir Daniel begann seine berufliche Karriere im Alter von 16 Jahren (!) als Lehrer.
Mit Sir Daniel leiten wir über zum kleinen Museum, dass es in Charlestown natürlich auch gibt. Die Ausstellung ist bescheiden und uns reizen eher die Gebäude selbst und die umgebenden Gärten. Dennoch, ein Blick hinein muss sein …
Wie verständlicherweise auf allen karibischen Inseln wird auch in diesem Museum die Sklaverei mit all ihren Facetten aufgearbeitet. Ganz bewusst haben wir im letzten Beitrag Kachelbilder aus St. Maarten gezeigt und gefragt, worin denn der Fehler besteht? Nun, die Bilder in Sint Maarten zeigten eine idyllische Landwirtschaft, bei der weiße Menschen fröhlich und zufrieden tätig waren. Dass die Wirtschaft und der Wohlstand der karibischen Inseln auf Sklaverei beruhte, war gewissermaßen wegretuschiert. Auf diesem Bild wird dagegen recht deutlich, dass die Arbeit von Schwarzen geleistet wurde. Sklaven. Darunter in erheblichem Umfang von Kindern.
Welch unfassbare Formen die Sklavenwirtschaft annahm, verdeutlicht diese Grafik von Robert Walsh aus dem Jahre 1829. Man muss sich in die Details der Zeichnung vertiefen, um zu begreifen, wie schrecklich die Bedingungen an Bord eines solchen Schiffes gewesen sind. Eine Bemerkung zu den Dimensionen: dieses Schiff besaß eine Rumpflänge von etwa 30 Metern. Zum Vergleich: Unsere Mago hat eine Rumpflänge von etwas über 16 Metern. Im Sklavendeck kann man auf der Zeichnung 42 bis 43 Menschen zählen. In einer Reihe! Es gab natürlich eine ganze Menge Reihen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wieviele Menschen dort zusammengepfercht waren. Natürlich hat uns interessiert, welcher Mensch diese Zeichnung geschaffen hat. Robert Walsh war ein irisch-britischer Kleriker, der 1828 zum Kaplan der britischen Botschaft in Rio de Janeiro ernannt wurde. In dieser Zeit begann seine Beschäftigung mit der Sklaverei, deren Abschaffung er anstrebte.

Wenig später streifen wir wieder durch den Ort und befinden uns glücklicherweise in der Jetztzeit. Wir begegnen einem Schüler, der wie seine Mitschüler an anderen Orten in dem Städtchen Spenden sammelt. Es steht ein schulischer Sportwettkampf auf St. Kitts bevor, und Aufgabe der Schüler ist, die erforderlichen Reisekosten über Spenden einzuwerben. Alles schön ordentlich mit Schülerausweis, Eintrag in Spendenliste und Spendenquittung. Klar haben wir gespendet.

Hübsch, nicht wahr?
Bei diesem Medical Centre haben wir doch gewisse Zweifel. Aber man weiß nie und soll keine Vorurteile pflegen …
Die Kirche befindet sich in sehr gutem Zustand und ist mit modernster Video- und Musiktechnik ausgestattet.

Im Vergleich zur Videotechnik lässt die Klimatisierung nach, was vielleicht nicht das Falscheste ist. Häufig sind die Klimaanlagen zu kalt eingestellt und fördern Erkältungskrankheiten, und das bei 32°C im Schatten.

Die musikalische Basisausstattung im Gotteshaus ist dann wieder ausgesprochen umfangreich und geht weit über eine Orgel hinaus. Man zweifelt keinen Moment, dass es hier rhythmischer zugeht als bei uns zu Hause.

Auch sonst bietet der Ort alles, was man so braucht: Beauty Salon …
… optimistischen Eiscremeverkauf …

… und mehrere Modeläden. Diese Dame ist auch US-Bürgerin. Ein paar Monate verbringt sie auf Nevis wenn es ihr in den Staaten zu kalt ist, und dann lebt sie eben dort, wenn es in der Karibik zu warm wird. Zurzeit läuft gerade der Jahresendverkauf, denn ihr Wechsel in die Staaten steht kurz bevor.

Am Ortsrand dann der übliche Speckgürtel mit Einfamilien- und Doppelhäusern.
Ach ja, bevor es untergeht, Nevis, dessen Name darauf zurückgeht, dass die alten Entdecker auf dem Gipfel der Insel Schnee erwarteten, was auch den Namen Nevis erklärt, abgeleitet vom spanischen Nieve (Schnee), ist vulkanischen Ursprungs. Womit logischerweise weniger die Vorstellung von Schnee als die von Hitze verbunden ist. Und so findet sich ein wenig am Rande des Städtchens ein Bach, der im Verlauf seines bescheidenen Gerinnes auch noch ein paar Quellen einbezieht. Warme Quellen, ja heiße Quellen. So entstand hier einer der ersten „medizinischen“ Badeorte der Karibik und wir können die Gelegenheit nutzen, in die warmen Becken einzutauchen.
Nicht hübsch, dieses Becken, aber echt heiß. Das heißeste überhaupt, mit dem Martin startet. Er war sich nicht ganz klar, was ratsam war. Ein fünf-Minuten-Aufenthalt, vielleicht 10 Minuten für hartgekocht, oder würde das Bad verlorene Eier zur Folge haben???
Ein paar Becken weiter kann man sich regelrecht abkühlen – relativ gesehen.
Die ästhetische Anmutung der Badelandschaft ist etwas eigenartig.
Wenig später befinden wir uns in zwei- und vierbeiniger Gesellschaft, bevor wir uns auf eine kühlende Wanderung (!) begeben. Bezüglich der Vierbeiner den oberen Bildrand genauer betrachten 😉.
Ruinen auf dem Gelände eines früheren Forts.
Und dann stehen wir vor der Mündung des Baches, in dem wir zuvor gesotten wurden. Sieht harmlos aus, doch ist nicht ohne. Martin rätselt, wie wir dieses Bächlein queren sollen. Am gegenüberliegenden „Ufer“ lässt sich erkennen, wie soeben ein wenig von der Sandkante abbricht. Das geschieht in dichter Folge. Und das Bächlein ist erstaunlich tief.
Schließlich finden wir zwischen den Mangroven ein wenig bachaufwärts eine Möglichkeit, den Bach zu queren. Anke sondiert diese Furt.
Und wie diese Power-Walkerin folgen wir schließlich dem Spülsaum des Meeres zurück zu unserem Dinghi und zum Boot.
Wobei wir uns eine lokale Gelegenheit zur Einkehr nicht entgehen lassen.
Am nächsten Tag gab´s noch große Wäsche – Anke hängt sie auf …
… und wir wundern uns letztlich, dass wir noch alle Teile getrocknet einsammeln konnten.

Damit ist jetzt auch gut, mit diesem Beitrag. Zumal der ziemlich auf sich hat warten lassen. Doch wie das manchmal so ist, es fand sich einfach keine Zeit. Oder wir waren zu erschöpft. In den letzten Wochen ballte sich alles ein wenig. Wir erhielten angenehmen Besuch von Sonja und Kirsten, mussten zwischendurch diverse Bootsarbeiten vorbereiten, nach den Besuchen die Bootsarbeiten auch umsetzen, blöderweise erwischte uns beide auch noch eine heftige Erkältung, eher schon ein grippaler Effekt (bei 32° im Schatten völlig unverstandlich) und mehr als eine Woche quälten wir uns noch mit anwaltlichem Schriftverkehr herum. Da blieb dann keine Luft für Geschreibsel. Doch dazu demnächst mehr.

In diesem Sinne: Niemals überhitzen!
Es grüßen Euch Martin und Anke.

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Tipps und Hinweise

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Heißes Wasser begegnete uns nur selten, dafür eher fröstelkaltes: Wir schildern dies und vieles mehr in dem Buch, das unsere Weltumsegelung von 2004 bis 2009 beschreibt. Eine Weltumseglung mit einer Aluminium-Reinke Super 11. Informationen zum Buch und wie Ihr die PDF bestellen könnt, findet Ihr unter diesem Link, also einfach auf diesen Satz klicken.

Das Buch unserer Weltumseglung von 2004 bis 2009:
Just do it – von der Weser in die Welt
323 Seiten, durchgehend mit farbigen Fotos bebildert, diverse Karten, hier und da Einschübe zu besonderen Aspekten, die uns beschäftigten und ein Anhang mit gelegentlich launigen Begriffserklärungen.

Vorerst nur als PDF verfügbar. Das Coverfoto des Buches zeigt Just do it in der Caleta Beaulieu im Beagle-Canal.

Wie Bobby Schenk schreibt: „Ein großes Buch, das pure Lese-Freude schafft. Es ist wahrscheinlich das beste aller Weltumsegelungs-Bücher (vielleicht sogar besser als meine eigenen…)“

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