In Angra do Heroísmo

In Angra do Heroísmo

Die Hafenmole von Velas auf São Jorge liegt achteraus. Anke verstaut die letzten Festmacher und Fender. Wir setzen nacheinander Großsegel, Besan und Genua. Der unstetige Wind südlich der Insel macht uns und dem Boot zu schaffen. Mal geht es voran, mal dümpeln wir. Schnell sind wir jedenfalls nicht. Kurz vor dem östlichsten Ende der Insel auf der Höhe der Fajã do Labaçal überholt uns zu allem Überfluss auch noch eine deutlich kleinere Bavaria oder so etwas ähnliches. Das stoisch und emotionslos zu ertragen erfordert Selbstbeherrschung. Gggrrrmmmbbbll.

Wir finden den ungewöhnlichen Ortsnamen Angra do Heroísmo so schön und besonders, daher soll er auch die Titelzeile des Blogbeitrags zieren. Die Einheimischen nuscheln sich irgendwie ein für unsereinen unmöglich reproduzierbares Angraoudeuísmo zurecht, bei dem man sich unwillkürlich fragt, ob es sich um ein Angra des Tourismus handelt. Egal. Für uns markiert der Ort einen weiteren Stopp auf den Azoren. Längst haben wir gemerkt, dass diese Inseln beginnen, uns festzuhalten. Sie wollen uns nicht mehr fortziehen lassen, und ein wenig geben wir dem nach und verlängern unseren Aufenthalt Woche um Woche (und unsere Blogbeiträge verharren hier ebenfalls). Daher befinden wir uns nun folgerichtig nicht etwa auf dem Weg nach Ponta Delgada auf São Miguel, was so etwas wie eine letzte Station wäre, oder gar nach Madeira, sondern nachdem wir der Südküste von São Jorge gefolgt sind, legen wir das Ruder und halten Kurs nordöstlich in Richtung eben dieses Angra do Heroísmo.

Endlich! Kompasskurs Angra do Heroísmo liegt an und endlich auch stabile Windverhältnisse. Diese lächerliche Bavaria haben wir nach dem Kurswechsel in kürzester Zeit stehen gelassen. So gehört sich das!* Nun treffen wir auf eine Westerly-Ketsch. Was wir natürlich nicht als Rennen begreifen, denn bei schönen und traditionellen Ketschen muss man einfach freundlich sein. (Dass wir dennoch schneller sind, lässt sich einfach nicht vermeiden.)
* Alle Bavaria-Eigner mögen mir verzeihen. Gelegentlich überwältigen mich noch Phasen kindlicher Unreife – wahrscheinlich Auswirkungen altersbedingter Effekte. Also nochmal, man sehe mir, Martin, derartige Anwandlungen nach.
Die erste Nacht haben wir vor Anker im Schutz des Monte Brasil Caldeira verbracht, der hier einen natürlichen Hafen einhegt. Nachdem wir am nächsten Morgen sehen, dass zwei Boote die Marina verlassen, fragen wir beim Hafenmeister nach und bekommen Erlaubnis einzufahren. „Sucht Euch einen Platz aus!” Er unterlässt jeden Hinweis, dass aus dem Hafen heraus eine Kajak-Regatta-Veranstaltung stattfindet. So irritieren uns reichlich viele in der Marinaeinfahrt kreuz und quer wirbelnden Kajaks. Doch niemand beschwert sich. Schließlich liegen wir in einer Box und beobachten das Renngeschehen. Auf dem Foto läuft gerade ein Kajakfahrer (blau/weiß) über die Ziellinie, während ein zweiter sich für sein Rennen aufwärmt. Links auf der Mole Zeitnehmer, Protokollanten und Regattaleitung. Alles unmittelbar neben Mago del Sur.
Das Angenehme an unserem Liegeplatz gleich an der Einfahrt: Wir liegen in Poleposition für jede Art von Hafenkino. Martin hat sich mit Kaffeepott in der Hand den Logenplatz auf dem Bug gesucht, denn das einlaufende Boot hat soeben einige sehenswerte Manöver demonstriert und Martin hofft auf Zugabe. Und man weiß ja, die besseren Kapitäne sitzen an Land oder auf fest vertäuten Booten.

Wie weiland Vasco da Gama eilen wir kurz nach unserer Ankunft an Land und beginnen erste Streifzüge. Die Beweggründe sind natürlich sehr verschieden. Nachdem Vasco da Gama 1498 als erster Europäer Indien auf dem Seeweg erreicht hatte, lief er im Folgejahr auf dem Rückweg nach Portugal diesen Naturhafen im Süden von Terceira an. Grund war die Erkrankung seines Bruders Paolo, der ein Schiff der Flotte Vascos befehligte. Paolo verstarb in Angra und wurde hier auch bestattet.

Angra do Heroísmo ist auf hügeligem Terrain erbaut. So dienen Treppen nicht nur der Zurschaustellung gesellschaftlicher Überlegenheit (Kirche, Obrigkeit, Adelsgeschlechter), sondern schlicht auch praktischen Erfordernissen. Hier der Aufstieg zur Igreja de Nossa Senhora de Carmo.

Wie schön ist es, an solchen Orten auf einen Kaffee o. ä. einkehren zu können …
… und der Kuchen folgt sogleich. Martin in freudiger Erwartung.

In einem Park. Eine seltsame Platteninstallation überdeckt einen plätschernden Bachlauf. Nach anfänglichem Zögern schlussfolgern wir, dass dies eine Art Weg ist und nutzen die Platten für unseren Aufstieg. Genau richtig, wie sich zeigt.

Schließlich ist das Ziel erreicht. Das Denkmal für Dom Pedro IV., König von Portugal und als Peter I. Kaiser von Brasilien. Beide Länder bzw. Reiche parallel zu regieren erwies sich als unmöglich, familiäre Rivalitäten und das Ringen zwischen Monarchisten und Liberalisten standen dem entgegen. Terceira war in diesen Auseinandersetzungen zeitweise die letzte Insel unter seiner Herrschaft, weshalb gelegentlich zu hören ist, Angra do Heroísmo sei zeitweise Hauptstadt Portugals gewesen. Von dort aus gelang es dem liberalen Pedro IV. zunächst die Azoren und schließlich ganz Portugal zu gewinnen. Auf sein Wirken geht die Einführung einer konstitutionellen, verfassungs- gestützten Monarchie in Portugal zurück. Ein spannender Charakter und eine spannende Geschichte.

Egal, ob wir durch die großen Straßen der Stadt oder die kleineren streifen. Die Gebäudesubstanz zeigt zweifelsfrei, dass Angra eine altehrwürdige, gewachsene Stadt ist. Nach dem Erdbeben von 1980 hat es eine Abstimmung gegeben, ob man die Stadt vielleicht neu, modern und zeitgemäß wieder aufbauen möge. Die Bevölkerung hat sich aber dafür entschieden, den althergebrachten Charakter wiederauferstehen zu lassen.
Stets wirkt der Ort irgendwie dörflich, ja heimelig.
Wir erfreuen uns herrlichsten Wetters, aber dieses kleine Arrangement lässt Zweifel keimen. Die Erinnerung an die bedenkenschweren Worte von João (Peters Café) klingen ebenfalls nach. Was will uns das sagen? Sicher keine schlichte Erinnerung an Cherbourg, die Stadt der Regenschirme.
Also weiter, bevor es regnet: Betrachten wir Details. Viele der Gassen sind etwas eng für den Autoverkehr. So hat man die Häuser an den Kreuzungen auf die verschiedenste Art und Weise ertüchtigt und „schrammfest” gemacht.

Es macht Spaß, durch die Straßen Angras zu streifen, teils zu schmal für den Autoverkehr. Hier mit Blick auf die Barockkirche Igreja de Misericórdia.

Irgendwo ist auch für Fahrräder und Mopeds Schluss.

Beim Herumstromern finden wir – nicht nur in Angra – dort allerdings besonders häufig – kleine Kapellen, die nur zu besonderen Zeiten Bedeutung erlangen. Hier eins dieser sogenannten Imporios aus dem Jahr 1871. An diesen Stätten findet man sich an Pfingsten zusammen und trinkt und speist gemeinsam.

Noch ein Imporio, diesmal aus dem Jahr 1916 stammend.
Immer wieder Grafik im Sonnenlicht, mit hervorhebenden oder auch seltsamen Schatten. Wappen über der Türe eines Gebäudes des Episkopats in Angra. Irgendwie verquer der Schatten eines LED-Strahlers.
Martin kommt mit seiner Vorliebe für farbige Flächen besonders auf seine Kosten und könnte hier noch Tage herumstromern.
Nach frischer Farbe folgt an anderer Stelle alte Farbe auf altem Holz. Zeugnisse der Vergänglichkeit.

Begleitet von einer Gymnasiastin können wir die beiden Türme der Kathedrale ersteigen. Das ist recht interessant, da die Türme nicht wie üblich sorgsam gegen Abstürze abgesichert sind. Und es hat den Vorteil, dass uns die Schülerin auch etwas zum Bauwerk selbst erzählen kann.

Leider präsentiert sich die Kathedrale nicht mehr im ursprünglichen Zustand, da sie beim Erdbeben von 1980 und einem späteren Brand schwer beschädigt wurde.

Gleiche Kirche, anderer Turm. Martin macht wieder Unsinn und betont, dass ihm eigentlich nur der Heiligenschein fehle. Die Gymnasiastin und ich, Anke (!), wir denken uns unseren Teil. 😉😉

Auf einigen Schaufenstern in Angra fallen uns ausgesprochen charakteristische Malereien auf, die aus dynamisch-organisch geschwungenen, schwarzen Linien auf Glas bestehen. Stellenweise sind die Motive mit alten See- und Landkarten oder Dokumenten hinterlegt. Wir sind fasziniert.

Ironischerweise begegnen wir dem ersten dieser Fensterbilder, als dieses noch im Werden ist. Unwissend, dass wir soeben Pantónio, einem renommierten Künstler zuschauen. Mit bürgerlichem Namen übrigens António Correia.
Hier das fertige Werk in abendlichem Streiflicht. Eine solche Arbeit auf leerstehenden Fenstern nennt der Künstler montra. Erst einmal aufmerksam geworden, entdecken wir einige dieser Werke. Oft denkt man ja, die Menschen sind scheu bzw. es stört oder belästigt sie, wenn sie fotografiert werden. Überraschenderweise verhält es sich oft anders. Diese Mutter posiert sogar bewusst ein wenig, als ich ursprünglich nur das Schaufinsterbild ablichten will.
Kein Fensterbild, ein Wandbild, ein mural. Pantónio gestaltet auch Mauern. War er es, oder war er es nicht? Wir wissen es nicht. Und ja, es scheint mittlerweile etwas feucht zu sein.
Jetzt ist es wirklich feucht. Mehr als das. Es regnet. Doch das hilft nicht, wie man sieht: Der Ort fasziniert Anke trotz Regens, zumal eine ganze Reihe netter Restaurants um unsere Gunst buhlen.

Ohne dass gebuhlt wurde, stolpern wir neben dem eingerüsteten, ehemaligem Zollgebäude über ein winziges Ding, das Geiko in der Rua das Minhas Terras. Interne Spiegel täuschen zunächst über die wahre Größe. Dies winzige Ding müssen wir in der Realität – also unge- täuschter Wahrnehmung – halbieren, dann passt es. Und dies winzige Ding wollen wir an dieser Stelle empfehlen. Müssen wir. Geht gar nicht anders! Wir ordnen es in die Riege der TOP FIVE unserer Sushi-Restaurant-Skala ein. Was bedeutet: Mehr als empfehlens- wert. Die Zubereitungen variieren täglich; kein Teller, keine Schüssel gleichen sich. Selbst die Stühle sind jeweils anders ausgeführt. Hingehen, genießen, sich wohl fühlen!

Auch sonst gibt es in Angra kulinarisch viel zu entdecken. Beispielsweise ein süßes Reisdessert, dessen Namen wir vergessen haben. Probiert im Acordas e Beliscos (Rua de São João), das sich auf kräftige Suppen und Eintöpfe spezialisiert hat. Ebenfalls lohnenswert.
Nach verregnetem Abend begrüßt uns ein Morgen mit dickem Nebel bzw. einer sehr tief fliegenden Wolke. João hatte ja gesagt, die Azoren erfreuen sich einer sehr langen, nassen Jahreszeit, und auch der Sommer sei nicht nur sonnig, trocken und warm.
Dennoch, wenig später herrscht eitel Sonnenschein, sehr zur Freude der Angler. An der Kaimauer des Hafens herrscht so gut wie kein Schiffsverkehr, so herrscht auch im übertragenen Sinne eitel Sonnenschein bei den Petrijüngern.
Ein aufgegebenes Friseurgeschäft. Hier ist Pantónio nicht gefordert. Die verbliebenen Papiere und Folienreste sowie Sprünge in der Scheibe entwickeln sich zu Kunst an sich, autogene Kunst sozusagen.
Auch das ist Kunst. Anlässlich des bevorstehenden Weißen Festes macht diese Künstlerin in einem Café alle halbe Stunde eine Performance. Was mit einiger Arbeit verbunden ist. Während der Performance wird mal eben die Scheibe beschriftet, dann wieder abgewischt – sonst gäbe es keine weitere Performance. Und so weiter …
Das Beitragstitelbild ist ebenfalls während einer Performance entstanden. Sie hat mich beim Foto fixiert, aber eben auch als Teil der Performance. Fotos waren natürlich erlaubt.
Im Vorbeigehen beobachten wir die Vorbereitungen für das weiße Fest …
… und als es Abend ist, rasen wir zusammen mit Olaf (SY Heart of Gold) wie weiland Vasco schnellen Schrittes in die Altstadt, denn das Weiße Fest entwickelt sich. Olaf gehört zu den Seglern, denen wir erstmals vor fünf Jahren am Anfang unserer Reise begegnet sind. In Bayona in Galizien war das – wie lange ist das her?
Die Band bedient sich vor allem bei Queen, hat aber auch andere Songs im Repertoire.
Wir – Olaf, Anke und ich – wir haben viel Spaß an der Band. Olaf zieht im Lauf des Abends beim Blick auf die Zusammensetzung des Publikums das (eigentlich) erstaunliche Fazit, dass die Musik unserer Jugend generationenübergreifend noch heute aktuell ist und langlebiger erscheint, als wir es seinerzeit je erwartet hätten.
Bei unserem Abgang treffen wir auf die heutige Jugend, die sich gerade in Hafennähe sammelt.

Mittlerweile ist reichlich Zeit vergangen und wir haben einige Seemeilen zurückgelegt. Inzwischen sogar Flugmeilen. Ein Zwischenaufenthalt in Deutschland, also in Worpswede, ist angesagt. Wir werden die Zeit nutzen, die Beiträge mal wieder an die Jetztzeit heranzuführen. So bleibt in der Rückschau auf Angra als guter Wunsch:

Rockt mal wieder ab!
Martin und Anke

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Tipps und Hinweise

Da wir ja schon wieder hinterherhinken, kommt dem Widget „Wo wir sind / Tracking“ besondere Bedeutung zu. Also immer mal dort drauf klicken und schauen, wo wir sind.
Für Segler auf den Kanaren haben wir ein möglicherweise interessantes Angebot zu machen: Wir geben unsere Simpson-Davits ab. Wer daran Interesse hat, der schaut am besten auf unsere Seite Flohmarkt / Flea Market. Dort werden die Davits beschrieben und abgebildet.

Bisher war es aufwendig, auf ältere Blogbeiträge zuzugreifen. Das haben wir geändert. Auf der Seite REISE(N) befindet sich nun als erster Unterpunkt der Zugriff auf alle bisherigen Blogbeiträge, chronologisch gelistet. Einfach auf Alle Blogbeiträge klicken.

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Hohepunkt unserer kulturellen Aktivitäten 2004 – 2009 war der Besuch einer Aufführung im Teatro Colon, Buenos Aires. Eine sagenhafte Erfahrung. Anders herum war auch gefordert: Selbst auftreten mussten wir auf den Marquesas im Rahmen eines Grillfestes, das die Menschen des Dorfes in der Baie D´Hakehatau auf Oa Pu für die Segler veranstalteten. Als Beitrag von Just do it gab Kirstens Mann Phillip Gesangskunst zum besten und Martin hinterließ mit „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern ein leicht verwirrtes Publikum. Wir schildern diese Erfahrungen und vieles mehr in dem Buch, das unsere Weltumsegelung von 2004 bis 2009 beschreibt. Eine Weltumseglung mit einer Aluminium-Reinke Super 11. Informationen zum Buch und wie Ihr die PDF bestellen könnt, findet Ihr unter diesem Link, also einfach auf diesen Satz klicken.

Das Buch unserer Weltumseglung von 2004 bis 2009:
Just do it – von der Weser in die Welt
323 Seiten, durchgehend mit farbigen Fotos bebildert, diverse Karten, hier und da Einschübe zu besonderen Aspekten, die uns beschäftigten und ein Anhang mit gelegentlich launigen Begriffserklärungen.

Vorerst nur als PDF verfügbar. Das Coverfoto des Buches zeigt Just do it in der Caleta Beaulieu im Beagle-Canal.

Wie Bobby Schenk schreibt: „Ein großes Buch, das pure Lese-Freude schafft. Es ist wahrscheinlich das beste aller Weltumsegelungs-Bücher (vielleicht sogar besser als meine eigenen…)“

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