An Frankreichs Süden

An Frankreichs Süden

Der Wind passte ganz gut, und vor allem, er war überhaupt da, so dass wir bequem den Nordzipfel Korsikas ansteuern konnten. Die Buchten hier gefielen uns so gut, dass wir schon wieder bedauerten, zügig weiter zu müssen. Doch es bot sich eine passende Windlage für den Schlag nach Südfrankreich bzw. Monaco an, und es wäre schon sehr leichtfertig gewesen, darauf zu verzichten. So waren wir am nächsten Tag auch schon sehr früh aus den Federn und unterwegs. Die korsische Küste wurde von der Morgensonne in warmes Licht getaucht und grüßte uns mit ihren freundlichen Hängen und einer ganzen Reihe Genueser Wachtürmen, die sehr unterschiedliche Zustände zeigten.

Die Sonne geht als gelbroter, verformter Ball über dem Horizont auf, ein kleines Fischerboot zieht hinaus auf seine Fanggründe, ja, und wir machen uns auch auf den Weg.
Im Licht der Morgensonne passieren wir Korsikas südlichste Zipfel. In regelmäßigen Abständen grüßen die Ruinen der Genueser Türme.
Im Abendlicht nähern wir uns der Küste bei Sanremo. Alles hat wunderbar geklappt, wenn man mal davon absieht, dass der Wind sich nicht ganz an die Vorhersage gehalten hat.

Nach anfänglichem Geholper, da wir den Kurs etwas sehr knapp abgesteckt hatten, musste Mago sich zunächst durch eine kabbelige Zone mit Gegenströmungen und der Konstellation Wind gegen Strom durcharbeiten, ging es zügig, zeitweise sehr zügig voran. Wie immer allerdings war Äolus, der Gott der Winde mal wieder anders aufgelegt als im Wetterbericht vorhergesagt. Eigentlich sollte der Wind im Laufe der nächsten Stunden und aufgrund unserer Fortschritte eine zunehmend östliche Tendenz entwickeln. Das tat er aber nur zwischenzeitlich, um uns zu täuschen. Dann drehte er recht und wir konnten nicht einmal Monaco anliegen. Immerhin reichte es so gerade für Sanremo. Auf eine Kreuz hatten wir keine Lust, und Sanremo konnten wir immerhin noch gut bei Tageslicht erreichen.

Monaco hat wenig Platz, daher wächst die Stadt in die Höhe. Wir streichen nur an ihrer Skyline entlang. Für einen Besuch fehlt uns im Moment die Stimmung oder wie man es sonst nennen oder begründen mag.

Am nächsten Morgen ging es unter der Küste weiter. Monaco gönnten wir nur einen kurzen Blick, irgendwie wirkte es nicht wirklich reizvoll, und strebten dann das kleine Örtchen Beaulieu-sur-Mer an. Wir hatten zwar etwas Sorgen, ob wir einen Liegeplatz finden würden, doch unbegründet. Es gab einen Platz. So ziemlich den einzigen, aber passend für uns. Von diesem netten kleinen Örtchen unternahmen wir Wanderungen, einmal hinauf nach Ezé, dann um das Cap Saint Ferrat. Ezé war ein vergessenes Dorf oben auf einem der Berge, bis der König von Schweden sich entschloss, sich dort eine Sommerresidenz einzurichten. Heute ist Ezé ein kleines Nobelörtchen, mit zwei hyperexklusiven Hotels, die sich kaum wahrnehmbar in der alten Bausubstanz eingenischt haben. Wir hatten großes Glück, dass wir im rechten Moment einen Tisch in einem der ganz spärlichen Restaurants für Normalmenschen (ich glaube, es war nur eins der beiden geöffnet) einen Tisch fürs Mittagessen bekamen. Rund zwei Stunden benötigten wir anschließend, um buchstäblich jede Gasse des Dörfchens zu inspizieren. Leider gab es keine Immobilie, die wir hätten kaufen können. Einmal mangels Angebot und dann wegen der fürstlichen, eher königlichen Preise. Das eigentliche Erlebnis an dem Ausflug nach Ezé war aber die Wanderung hinauf auf den Berg bzw. auch wieder hinab. Bei den aktuellen Sommerverhältnissen schweißtreibend bis zum geht nicht mehr. Aber irgendwie auch gut, und man freut sich am Ende des Tages, dass man es geschafft hat.

Ausgetretene Steinpfade führen etliche Höhenmeter bergauf.
Für Anke das Spannendste, es gibt scheinbar vergessene Pfade, die ins Nirwana führen
Es erwartet uns ein absolut pittoreskes Dörfchen …
… mit lauschigen Ecken, engen Gassen und ein paar Sackgassen.
Ansonsten begeistert uns Ezé durch das allgegenwärtige Kunstangebot

Die Spazierrunde um Kap Ferrat war dagegen halb so wild. Anfangs auf der Ost- und Südseite reichlich enttäuschend, auf der Westseite dann hübsch und abwechslungsreich. Und überall erstaunt, wie sich die Franzosen in kleinen und kleinsten Grüppchen in die winzigsten Felsennischen begeben und dort ihr individuelles Badevergnügen genießen. Pech hatten wir nur insofern, dass meine Kusine gerade nicht im Lande war. Wir hätten uns gefreut, sie hier in ihrer Wahlheimat zu besuchen.

Cap Ferrat. Der Weg am Rande eines ehemaligen Steinbruchs am östlichen Ufer der Halbinsel enttäuscht zunächst.
Dann überrascht uns gekonnte Kunst auf den Ruinenwänden der ehemaligen Verwaltungs- und Wer-weiß-wofür-Gebäude des Steinbruchs
Am Südzipfel lässt uns die zerklüftete Felslandschaft aufmerken …
… und am Westufer begeistert uns die vielgestaltige Landschaft. Vor allem auch, dass in das kleinste Felsengenisch eine Treppe oder grob behauene Stufen führen, und sich an deren Ende immer eine intime Badegesellschaft befindet.

Mangels Wind motorten wir weiter. Staunten über den ausgeprägten Bootsverkehr. Man musste die ganze Zeit aufmerksam am Steuerrad bleiben. Kap Ferrat zog vorbei. Aus diesem Blickwinkel sahen wir nun das Hotel am Kap, das gestern die Topographie vor uns verbarg. Gleich dahinter hatte meine Kusine fast 30 Jahre in ihrem Häuschen gelebt. Den nächsten Ankerstop machten wir nach der Passage des Ankerfeldes auf dem Flach zwischen Île Saint Marguerite und ihrer kleineren Nachbarinsel Saint Honorat im Mooringfeld nördlich der Île Saint Marguerite. Wir hatten Glück und fanden tatsächlich eine (kostenlose) Boje, die für ein Boot wie Mago del Sur ausgelegt ist. Wir pausierten einen Tag, besuchten die Insel und das Fort, in dem der echte Mann mit der Eisernen Maske – Vorbild bzw. Ideengeber für den Roman „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas – einige Jahre inhaftiert war. Die Maske bestand anfangs aus Eisen, später dann aus schwarzem Samt, wie in diesen Gemäuern erläutert wird. Dumas verlagert das Gefängnis des Grafen von Monte Christo allerdings auf die Marseille vorgelagerte Insel Île d´If. In dem Fort auf Saint Marguerite befindet sich ein kleines Museum, dass uns ausgesprochen gut gefällt. Es thematisiert die Insel. Also nicht die Île Saint Marguerite, sondern die Insel als solche. Aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Von geologischen und geographischen Aspekten über die Bedeutung von Inseln für den Menschen, die Insulaner, die Nicht-Insulaner, Seefahrer, Entdecker, Eroberer, die Kulturgeschichte, die Evolution als solcher, der Evolutionswissenschaft, der Wirtschaft, dem Verkehr, Tourismus, und so weiter und so fort. Wir sind fasziniert von der Themenvielfalt und mehr noch, dass wir an einem solchen Ort ein solch beeindruckendes Museum finden. Klar, es ist nicht so groß, aber es punktet mit seiner besonderen Thematik.

Einige der Gemäuer im königlichen Fort auf der Île Saint Marguerite
Anke im Zugang zur Zelle des Mannes mit der eisernen bzw. samtenen Maske. Bis heute ist dessen Identität unbekannt. Er kann aber nicht ohne Bedeutung gewesen sein, sonst hätte man ihn kurzerhand umgebracht. Schon auf diesem Foto erkennt man, dass er eine geräumige Zelle besaß, und er erhielt auch eine ganze Reihe Annehmlichkeiten und Vergünstigungen, die einem normalen Gefangenen niemals zugekommen wären.

Nach einer kleinen Zwischenpause wegen verdächtiger Gewitterwolken wanderten wir quer über die Insel zu deren Südufer. Hier gibt es in einem begrenzten und markierten Bereich einige im, also unter Wasser als künstliche Riffe platzierte Skulpturen. Die mussten wir natürlich erkunden. Also stiegen wir über das felsige Ufer ins Wasser und suchten, zunächst von Seegraswiesen geradezu blockiert, eifrig herum. Bedauerlicherweise war das Wasser wegen des herrschenden Wellenschlags sehr trüb, so dass wir nur schlechte Sicht hatten. Überraschend stießen wir auf die erste, dann auf die zweite Skulptur. Auf den ersten Eindruck erschienen uns alle 5 Skulpturen als identisch, was wir etwas schade fanden. Wir hatten uns natürlich fünf verschiedene erhofft. Doch beim Betrachten der Fotos erkannten wir, dass die Figuren bzw. Skulpturen doch individuelle Gesichter tragen. Inzwischen wissen wir, dass es die Gesichter verschiedener Bürger von Cannes sind. Geschaffen wurden die Skulpturen vom Künstler Jason deCaires Taylor. Und die Installation ist Teil des ersten französischen Unterwassermuseums Ecomusée Sous-Marin du Cannes. Eine interessante Idee.

Die erste Skulptur ist entdeckt
Zwei Skulpturen – sie bilden stets Doppelköpfe – dicht beieinander
Die Skulpturen sind als künstliche Riffe gedacht und es lässt sich bereits erahnen, dass sie von Lebewesen der Unterwasserwelt besiedelt werden.
Auf diesem Doppelkopf wird die Besiedlung noch deutlicher.
Anke hat noch etwas ganz anderes entdeckt, einen nahezu perfekt kugelförmigen Neptunball.

Die nächste Etappe führte uns weitgehend unter Motor in die Baie de Canabíeres. Ein schöner Ausgangsort für einen Besuch von Saint-Tropez. Der Besuch muss einfach sein. Erst einmal wegen der Filme von Luis de Funes rund um den Gendarmen von Saint-Tropez, dann da mein Bruder am Ende seiner Schulzeit diesen Ort mit Freunden besucht und von ihm geschwärmt hatte, weiter wegen der beiden Anwesen von Brigitte Bardot – wir sehen am nächsten Tag sogar ihren Mann in der Bucht schwimmen – und natürlich, weil wir Saint-Tropez wie es sich heute darstellt gerne einmal sehen wollten. Über einen Uferpfad auf verbotenem Privatgelände und eine anschließende enge Straße erreichten wir die „Ausläufer“ des Ortes. Eine von mehrgeschossigen Häusern umgebene Minibucht nach der anderen. Wir vermuten, dass diese mal alles kleine Fischerhäfen waren. Heute ist Saint-Tropez eine Künstlerstadt ähnlich wie Worpswede, aber doch eine ganz andere Größenordnung. Erst gegen Abend kommen die großen Yachten in den alten Haupthafen. Wir beschränkten uns auf den vermutlich teuersten Pausentrunk der ganzen Reise und wanderten in der Abenddämmerung zum Boot zurück. Von dort genossen wir die von der Abendsonne in warmen Farben gefärbten Ausläufer der Seealpen. Nach Westen hin wird es nun flacher werden.

La Madrague, das bescheidene erste Anwesen, das Brigitte Bardot hier bei Saint Tropez bereits in den 50er Jahren erwarb.
Saint Tropez. Wenn man nicht wüsste, dass die hafennahe Bebauung im zweiten Weltkrieg durch die deutschen Truppen zerstört wurde, würde man nicht glauben, dass dieser Ortskern relativ neu ist.
Kunst an der Hafenpromenade. Kunst findet sich in Saint Tropez praktisch an jeder Ecke und in jedem Winkel.
Es gibt auch Flüssigkunst – hier sind es ausgefallene Champagner
Mit der Abenddämmerung finden sich im alten Hafen nach und nach die Luxusyachten ein. Hier ein besonders stilvolles, geradezu klassisches Exemplar, die Blue Bird.
Am Abend zeigt sich eine andere Seite von Saint Tropez. In jeder Straße und Gasse, an jeder Ecke Ecke und in jedem Winkel entfaltet sich die Gastronomie. Wir bleiben dank des exorbitanten Sundowners an der Hafenmeile (kostenmäßig exorbitant meinen wir) hart und kehren zum Boot zurück. Unser Abendessen ist dank guter Vorräte keineswegs profan, aber die Kosten sind im Vergleich eine wahre Wonne.

Zur Abwechslung waren wir am Folgetag tatsächlich mal unter Segeln unterwegs. Nur selten schnell, aber immerhin. Vorbei an Kaps und bergigen Ufern. Zwischen den Inseln Port-Cros und Porquerolles gibt es eine Passage, bei der man vor dem ebenfalls Port-Cros geheißenen Hafen an Bojen liegen kann. Leider klappt es nicht mit dem Ordern einer Boje (geht nur per Internet und alle geeigneten sind schon belegt), daher zuckeln wir um die nordöstliche Ecke von Porquerolles und ankern in der weiten Baie d´Ancastre. Obwohl zur Zeit absolute Ferienhochsaison ist, bekamen wir doch recht mühelos einen Ankerspot mitten in dem ausgedehnten Feld. Am nächsten Tag ging es gleich weiter die wenigen Meilen bis Hyères. Dort lagen bei der kleinen, geradezu bescheidenen Niederlassung von Amel Ersatzwanten für unseren Großmast, die wir auch am gleichen Tag noch abholten. Vielen Dank an Amel und an Sonja Kessler, dass wir ihre Postadresse für die Lieferung nutzen durften. Übrigens gab es per Funk und Telefon keine verfügbaren Liegeplätze in Hyères. Da wir die Drähte aber abholen wollten, sind wir dennoch in den Hafen gefahren. Der aktive Marinero wunderte sich. Natürlich gäbe es Liegeplätze. So blieben wir dann auch gleich zwei Nächte und lernten unter anderem Brigitte und Jean-Louis von der Meige kennen, einem Schwesterschiff. Und wie der Zufall es wollte, sie hatten das Boot erst ein halbes Jahr, und da sie nicht auf Langtörns gehen wollen ein Hydro-Generator im Sonderangebot abzugeben.

Kiefernkulisse an der Silberbucht

Nun ja. Nach zwei Tagen ging es wieder zur Île de Porquerolles in die Silberbucht, Baie d´Argent, nicht zu verwechseln mit dem Silbersee von Karl May. Weil es uns am ersten Spot zu unruhig ist, drängeln wir uns noch weiter in die Bucht hinein. Abends wird es ruhiger, da der meiste Wellenschlag von herumkreuzenden und passierenden Booten stammt. In der Dämmerung gibt es noch ein gelegentliches, aber längeres Trompetenkonzert von einem der Boote. Begleitet von Applaus der Ankergemeinschaft und „Olé!“-Rufen bei bestimmten, sich stets wiederholenden Einlagen.

Mit Trompetenklängen wollen wir daher diesen Beitrag schließen, nicht ohne auf das nächste, soeben fertig gestellte Tagebuch zu verweisen. Hier das nächste Tagebuch – einfach auf den Link klicken.

Beinahe hätten wir vergessen, darauf hinzuweisen, dass wir uns mal wieder mit Ankerketten aus Edelstahl beschäftigt haben und eine eindeutige Empfehlung für die Materialwahl bei Reisen in warme bzw. tropische Gewässer aussprechen. Wen das Thema interessiert, der schaut unter Technik Tipps oder klickt hier.

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Es grüßen Euch

Anke und Martin

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