Endlich wieder gesegelt

Endlich wieder gesegelt

Nur wenige Meilen vor La Rochelle. Anke beobachtet die Segel und filmt nebenbei (ist also unsichtbar), ich rufe ihr die aktuell angezeigten Geschwindigkeitswerte zu. Mit gereffter Genua, gerefftem Groß (gerade halbwegs klariert) und gerefftem Besan erreichen wir bei rund 20 Knoten wahrem Wind gut über neun Knoten durchs Wasser.

Wenn auch nur eine Handvoll Meilen. Aber wir sind gesegelt. Nachdem wir seit der Rückkehr ins Wasser über eine Woche unsere Bilgen beobachtet hatten und kein Wasser entdecken konnten, nachdem Franck Chivées Mannen alle Toggles der Wanten und Achterstagen getauscht und das Rigg neu justiert hatten, und nachdem wir alle Segel wieder angeschlagen hatten, wollten wir die nächste Etappe nicht ohne Testfahrt angehen. Heute war auch etwas Wind angesagt, mit 16 bis 20 Knoten aber auch nicht zu viel, also genau das Richtige für ein paar Tests. Pünktlich Viertel vor Fünf öffnete die Brücke. Die gerade von draußen hereinkommende Shtandart machte unsere Brückenpassage allerdings etwas haarig, da sie mit Ihrem Rigg bei dem schiebenden Wind nicht stoppen konnte. Wir verständigten den Brückenwärter per Funk und ließen der Shtandart den Vortritt. Draußen kamen wir bei auflaufendem Wasser und Wind von 20 Knoten auf die Nase zunächst nur langsam voran. Doch mit Erreichen des Tour Richelieu, der die Einfahrt des ausgebaggerten Kanals nach La Rochelle markiert, konnten wir abfallen und setzten das Groß. Genauer, wir versuchten es. Der Linetender, der das Groß herausziehen soll, rutschte jedoch nur durch. Mit händischer Unterstützung holten wir das Segel dann zwar etwas raus, aber nun hielt die Ausholleine das Segel nicht in Position. Also wieder rein damit.

  • Testbefund No. 1: Ausholeleine neu und bis zum Gehtnichtmehr durchsetzen.

Genua und Besan machten dagegen keine Sperenzchen, und so konnten wir die Maschine erstmal ruhen lassen. Trotz der nun etwas zu geringen bzw. nicht ganz ausgewogenen Segelfläche marschierte Mago munter los. Mit grobem Kurs auf Fort Boyard steuerte Anke dahin während ich mich daran machte, die ursächliche Lose aus der Ausholleine des Groß zu nehmen. Die Leine hatten wir nagelneu von Amel bekommen und ich hatte sie knackig gespannt. Weiß der Teufel, wieso jetzt – ohne jede Nutzung – wieder so viel Spiel entstanden war. Nach einer Viertelstunde Lascherei war wieder Zug auf der Leine und wir versuchten es erneut. Nun kam das Groß freiwillig raus und blieb auch in jeder gewünschten Position stehen.

Ein reichlich grauer Segeltag. Doch genau richtig für Testsegeln. Im Schutz der Inseln Ré und Oléron sieht man dem Meer die herrschenden 20 Knoten gar nicht an. Im Grunde fahren wir auch zu wenig Tuch, aber für eine Testfahrt ist das ok. Der wichtigste Test findet eh unter der Oberfläche statt: Bleibt das Boot, bleit die Bilge trocken? Hat der Werftaufenthalt Erfolg gebracht? Er hat!

Trotzdem, im Hafen wird noch einmal nachgesetzt werden. Mit nun drei Segeln, wenn auch alle vorsichtshalber leicht gerefft, marschierte Mago mächtig voran. In Spitzen bis zu 10 Knoten durchs Wasser und bis fast 9 Knoten über Grund. Und das alles bei einem harten Am-Wind-Kurs. Wir waren begeistert. Für Fort Boyard reichte die Zeit trotz allem nicht. Wir wendeten und nun ging es bei halbem und langsam abnehmenden Wind wieder zurück. Zeit für ein paar Prüfungen. Groß- und Besanmast standen wie eine Eins. Kein Pendeln, kein Schwingen. Die Wanten und Stage durch die Bank gut. Nirgends war etwas zu locker. Aber

  • Testbefund No. 2: Das Großsegel muss nochmal durchgesetzt werden.
  • Testbefund No. 3: Das Besansegel ist ebenfalls durchzusetzen.

Die Genua dagegen stand obwohl leicht eingerollt nahezu perfekt, ihr Foil zeigte kaum Biegung. Die Fock hatten wir nicht draußen. Weiteres Plus: Die Wellenbremse hat tadellos mitgespielt. Auch nicht selbstverständlich.

Den Kanal zum Hafen bummelten wir zunächst nur unter Groß, dann sogar vor Topp und Takel mit immer noch 3 Knoten hinauf, da wir zu früh für die Brückenöffnung waren. Schließlich reichte die Zeit sogar noch für einen Abstecher zwischen dem Kettenturm und dem Turm St. Nicolas hindurch in den Vieux Port, den alten Hafen.

Finster dräuen die Türme unter finsterem Himmel. Man bekommt eine Vorstellung von der Wirkung der Befestigungen in alten Zeiten. Auch heute ist es ein tolles Gefühl, zwischen diesen Türmen in den Vieux Port, den alten Hafen einzufahren.

Wieder zurück im Bassin du Chalutiers, dem ehemaligen Fischerbecken, sprach uns der Brückenwärter nochmal persönlich vom Ufer aus an. Die Crew der Shtandart bot uns freundlicherweise Leinenhilfe und bedankte sich artig für unser Warten bei der Ausfahrt.

Bilanz der Aktion: Ein bisschen Feintuning ist noch erforderlich, aber im Großen und Ganzen war alles in Ordnung. Und wir müssen sagen, es hat gut getan, mal wieder seglerisch aktiv zu sein. Wir sind schon ganz aus der Übung bzw. schon völlig aus dem Segelmodus raus.

Es grüßen ein wenig vom Wind durchfrischt

Anke und Martin

Trotz der eigentlich ruhigen Meeresoberfläche kam dank der Geschwindigkeit doch ein wenig Wasser über. Wir haben uns gefreut. Auch, da sich die von Martin in mühsamer Kleinarbeit zerlegten und neu abgedichteten Knebelverschlüsse der Decksluken tatsächlich als dicht erwiesen.

2 Gedanken zu „Endlich wieder gesegelt

  1. Moin Ihr Beiden!

    Hab gerade gelesen dass Ihr das Thema Wasser im Schiff nun im Griff habt! Gratuliere! Das ist immer ein gutes Gefühl! Gute Fahrt und schöne Frühlingstage!

    Stefan

    MY Nautic, WYC Wiesbaden

  2. Die erste Testfahrt mit trockenem Schiff: Glückwunsch, endlich die Nässe im Griff! Und wirklich beeindruckend, die Türme, die den Alten Hafen bewachen …

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