San Sebastián

San Sebastián

Ein kurzer Schauer ist vorüber und hinterlässt einen Regenbogen.

Eigentlich sollten wir San Sebastián von unserer Reise mit Just do it noch kennen. Doch unsere Erinnerungen sind ziemlich im Nirwana entschwunden. Das Einzige, an das wir uns noch erinnern, war eine Wanderung mit Bob und Anja, zwei netten Holländern, die uns vom höchsten Berg, dem Garajonay, in irgendein Tal führte. Der Abstieg über zahllose Steine und Stufen war zumindest für Martins Knie derart „materialmordend“, dass er am Ziel, einer Bushaltestelle, nur noch zitternd ankam, kaum in der Lage sich noch aufrecht zu halten. Aber San Sebastián? Völlig verblasst.

San Sebastián ist ein kleines Städtchen mit erstaunlicher Historie. Heute zählt man etwa 9.500 Einwohner. Es bietet alles, was man zum Leben braucht. Nicht jeden Luxus, aber man kann es hier gut aushalten. Anders ausgedrückt, man kann nicht alle Lebensmittel und auch manche Dinge nicht kaufen, die man von Festlandsspanien und anderen Inseln gewohnt ist, aber das Angebot ist mehr als ausreichend, wenn auch teilweise etwas teuerer. Da macht sich bemerkbar, dass die Insel im Vergleich zu den anderen Eilanden eher abgelegen ist und die Kaufkraft folglich bei weitem nicht der von beispielsweise Teneriffa entspricht. Zur Not fährt man per Schnellfähre nach Teneriffa, dort bekommt man praktisch alles.

Der Torre del Conde. Dieser Wehrturm wurde 1450 als Schutz gegen die Ureinwohner errichtet und ist eines der ältesten erhaltenen Bauwerke in San Sebastián. Gomera wurde bereits im frühen 14. Jahrhundert von verschiedenen Seefahrern und Piraten „wiederentdeckt“ bzw. angelaufen, die Besetzung der Insel in historischer Zeit erfolgte mit „Genehmigung“ der kastilischen Herrscher durch Hernán Peraza den Älteren zwischen 1445 und 1447. Auf ihn geht auch der Bau dieses Turms zurück.
Typisch in dieser Art, oder auch nur zur Markierung der Gebäudeecken – wir lieben diese charakteristisch kanarische Art der Fassadengestaltung. Hier handelt es sich um einen Ausschnitt des Torre del Conde.
Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción. Ebenfalls 1450 errichtete der oben erwähnte Hernán Peraza eine einschiffige Kapelle, die zur Keimzelle der späteren Stadt wurde. Als Kolumbus und seine Seefahrer hier 1492 einen Ruderschaden an der Pinta reparierten und sich natürlich auch neu bzw. zusätzlich verproviantierten, sollen sie in dieser Kapelle eine Lobeshymne auf die Hl. Maria, das Salve Marinera, gehalten haben. Kurze Zeit später wurde die Kapelle durch eine dreischiffige Kirche ersetzt, die heute noch existiert.
Ein Besuch der Kirche lohnt sich. Uns hat neben der Sakralkunst ein Detail beeindruckt, das man häufig übersehen wird. Links oben an einer Seitenwand im angedeuteten Querschiff vor dem Altar zeigt ein Gemälde die erfolgreiche Abwehr eines englischen Piratenangriffs. Leider wissen wir außer der Angabe, dass das Bild aus dem Jahr 1743 stammt, nichts weiter. Interessant ist allerdings, dass im Bild der Kanonenkugelhagel dargestellt ist.

Juan de la Cosa auf einer Pflasterdarstellung der Uferpromenade San Sebastiáns. Er war auf den ersten drei Reisen des Columbus dabei und segelte auch in den Folgejahren mehrmals nach Amerika. Er war seinerzeit Miteigner der Santa Maria und diente als Steuermann, Kapitän und Kartograph. Die Angaben zu seinem Geburtsjahr und -ort sind widersprüchlich und die zu seinem Tod auch. Sollte die Angabe hier auf dem Pflaster von Sebastian stimmen, war er 32 Jahre alt, als er mit Kolumbus zu dessen erster Fahrt aufbrach.

Wir schreiben das Jahr 1499 oder 1500. Aus der Hand de la Cosas stammt die erste (bekannte) Weltkarte, in der die frisch entdeckten Karibischen Inseln, der Umriss des Golfes von Mexico und die nordöstliche Küste Südamerikas in dunkler Farbe dargestellt sind. Die alte Welt ist zurückhaltend farbarm in der rechten Kartenhälfte wiedergegeben. Für San Sebastián hat er Bedeutung, da er hier 1492 und 1493 mit Kolumbus und ein weiteres Mal 1499 mit Alonso de Ojeda einlief, bei dessen Beutezug in den Golf von Maracaibo er als „Lotse“ diente.

Am 6. September 1492 verließ die kleine Flotte des Cristóbal Colón, wie er hier genannt wird, San Sebastián nachdem seine Schiffe hier letztmalig verproviantiert und mit frischem Wasser versehen worden waren. Das ist für unsereinen vielleicht etwas überraschend, denn es gab nach wie vor Auseinandersetzungen der kontinentalen Eroberer mit der auf Gomera lebenden Urbevölkerung. Auch auf den beiden folgenden Reisen 1493 und 1498 lief er San Sebastián als letzten Proviantierungshafen an.

Unmittelbar am Hafen befindet sich die Plaza España. Bei Hitze und intensiver Sonne sind die schattenspenden Bäume stets willkommen.

Er schon wieder. Der Stolz der Einwohner auf „ihren“ Kolumbus ist unübersehbar. Gerne hätten wir auch das Kolumbus-Haus besucht, doch leider war dieses Museum während unseres Aufenthalts wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen.

Leider geschlossen
San Sebastián zeichnet sich durch eine bunte Durchmischung alter und neuer Bebauung aus. Es lohnt sich, ein wenig in die Seitengassen zu schauen.
Leider verfällt die zum Teil sehr reizvolle alte Bausubstanz. Hier und da gibt es erkennbare Bestrebungen, den Verfall wenigstens notdürftig zu stoppen, doch es fehlen offenbar die nötigen Mittel oder geeignete Investoren, um den Gemäuern neues Leben einzuhauchen.
Martins Lieblingsruine, vielleicht wegen des Grau in Grau. (Kein Wunder, wenn man farbenblind ist …)
Brechende Wellen an mehreren Felsen, die sich neben dem heutigen Hafen ins Meer erstrecken. Der Felsen im Hintergrund hat olympische Bedeutung. Hier wurde 1968 ein Olympisches Feuer nach der Schiffspassage von Festlandsspanien auf die Kanaren, entzündet. Der damalige Weg des Staffellaufs symbolisierte die Verbindung zwischen der mediterranen und der amerikanischen Welt und orientierte sich an der ersten Reise von Christoph Kolumbus. Wichtige Orte auf der Reise der Flamme waren daher unter anderem Genua als Geburtsort von Kolumbus, Palos in Spanien, wo er in See stach, Gomera, der letzte Stopp in der bekannten Welt und San Salvador, das erste Land, das er jenseits des Atlantiks erreichte.

In diesem auf dem Felsen stehenden, übermannshohen Kelch wurde 1968 das oben schon erwähnte Olympisches Feuer entflammt. Das ist jetzt mal bewusst unscharf formuliert, denn wir konnten nicht erfahren, ob die Fackeln auf Gomera in mehreren Stafetten herumgetragen wurden, oder ob dieses Feuer hier nur den wichtigen Ort San Sebastián ehren sollte. Der letzte Staffelläufer in Mexiko war übrigens Cristóbal Colón Carbajal, ein direkter Nachfahre des Kolumbus.

Geschaffen wurde diese Skulptur, der Feuerkelch von Ezequiel de León. 1968? Ach ja, das waren die Spiele in Mexiko.

Fast direkt vor dem wichtigsten Platz von San Sebastián befindet sich der Hafen mit integrierter Marina. Letztere ist trotz ihrer Ausrichtung gen Süden erstaunlich gut gegen Wind und Schwell geschützt und ruhig. Die Marineros sind freundlich und verstehen ihr Handwerk. Das muss auch sein, denn die regelmäßig einfallenden Chartercrews verlangen zum größeren Teil – man muss es leider so sagen – eine Menge Unterstützung, um Bruch zu vermeiden. Ein positiver Aspekt, vielleicht der Randlage Gomeras geschuldet: hier sammeln sich vermehrt Blauwassersegler, manche von ihnen unmittelbar vor dem großen Sprung über den Atlantik. Was erstaunliche Segleraktivitäten zur Folge hat. Anders ausgedrückt, das soziale Seglerleben hat in diesem Hafen einen großen Stellenwert. Was nicht bedeutet, dass man nicht auch genügend Zeit findet, am Boot zu werkeln. Wobei diese Aussage eigentlich ein Witz ist. Bei Bootsarbeiten geht es nicht um die Frage, ob man Zeit findet, sie wird vom lieben Untersatz schlicht und einfach eingefordert. Ansonsten sollte noch angemerkt werden, dass die Gomeros gerne feiern, aber das kann man im Grunde von allen Canarios sagen. Und daher statt vieler Worte lieber viele Bilder.

Weihnachten war vorbei und Dreikönig ebenfalls. Höchste Zeit, den Weihnachtsbaum wieder zu zerlegen und zu stauen. Bei der Gelegenheit ergab sich eben solche, die Bilge unter der achteren Salonsitzbank einmal gründlich zu säubern. Anke noch fröhlich vor dem erforderlichen Faltprozess. Wer Yoga betreibt, ist hier klar im Vorteil.

Auch Martin lässt sich nicht lumpen. Anke hatte einen unbekannten, und daher auch ungenutzten „Hohlraum“ entdeckt. Der konnte hohl nicht bleiben. Also wandert ein Teil der Weihnachtsdeko in eben diesen. Ächz!

Schon ewig war es ein Ärgernis, dass die Verschlüsse der Gaskiste nicht zuverlässig dicht waren. Eindringendes Seewasser förderte Salzablagerungen und oberflächliche Oxidation an unseren Alu-Gaszylindern. Sehr zum Missfallen von Martin. Anlässlich eines Flaschenwechsels war er nicht mehr zu stoppen. Und konnte recht unerwartet in einer örtlichen Ferreteria Alufarbe auftreiben. Nach drei Tagen waren alle drei Zylinder gesäubert, angeschliffen und mit zwei Dickschichten gemalt.
Beim Umsetzen des Dinghys zeigte sich, dass dessen Stützräder sich nicht drehten. Schoben wir das zunächst auf deren Plattfüße stellt sich nach Demontage der Räder fest, dass sich da wirklich nichts drehte. Außerdem war es schlechterdings unmöglich, auf die versteckt sitzenden Ventile einen Schlauchanschluss zu setzen. Erst mit Hilfe einer Tankstelle ging das Füllen halbwegs. Bei einem der Räder gab unmittelbar danach das Ventil auf. Und bei der Suche nach der Ursache für die Drehverweigerung fand sich schließlich das: Vollständig korrodierte Wälzlager billigster Bauart, nicht ansatzweise korrosionsbeständig und für den Verwendungszweck geeignet. Fazit: Wir zerren, schleifen und tragen unser Dinghy wieder. Und suchen bessere Räder.

„DU FEIERST MIT!“
Ok, da ist Widerstand zwecklos! Schluss mit den Bootsarbeiten, wir feiern mit.

Canarios scheinen gerne zu feiern. Und die Gomeros machen da keine Ausnahme und munter mit. Weihnachten und Sylvester waren vorbei. Aber es gibt ja viele Gründe, aus Heimatliebe und Verbundenheit zu feiern. So hat San Sebastián am 20.1. den Feiertag des Schutzheiligen. Und der bietet sich gleich als nächstes für ein langes Feier-Wochenende an.
Vor vollem Haus, besser unter vollem Zeltdach, wird über mehrere Tage veranstaltet. Hier verabschiedet ein als „argentinisches Kanarienvögelchen“ angekündigtes Leichtgewicht leichtfüßig die vor ihm aufgetretene Sängerin. Für uns, die wir ja Argentinien schon mal ein wenig bereist und in Buenos Aires verschiedene Konzerte und Veranstaltungen besucht haben, war das fast ein Déjà-vu. Wie damals waren seine Balladen voller Liebesschmerz bis hin zum nahen Liebestod. Mit Inbrunst und Wehmut gesungen, ganz anders als die flotten von Salsa und Polka-Rhythmen bestimmten Stücke davor und danach.
Zu Ehren des Heiligen Sebastian gibt es einen großen Umzug. (Hinweis für die Lektorin: im Spanischen hat der Sebastian ein Akzent, im Deutschen nicht 😊) Nachbarschaften und Freundesgruppen treten in traditionellen Trachten auf, ziehen durch die Hauptstraßen San Sebastiáns, musizieren …
… tanzen …
… musizieren …
… posieren, ob etwa um die Dreißig oder …
… oder jünger. Hier die Siegerinnen im Romera-Contest.
Nach dem Umzug sitzen alle im Umfeld der Plaza España zu Tisch. Und alle sind entspannt und begeistert, wenn sie fotografiert werden.
Etwas ruhiger geht es bei den sozialen Normalkontakten zu: Unerwarteter Besuch aus Deutschland von Uwe und Simone.
Ulrike (rechts, im Aufbruchsvorbereitungswirbel) kennen wir seit der Vorbereitung unserer ersten großen Reise. Was uns 2004 nicht gelang hat diesmal geklappt: Wir haben uns mit unseren Booten getroffen!
Die Anuk mit Uli (Ulrike) und ihrer Crew bricht Richtung Kapverden auf.
Günter und Steffi, frisch in den TO eingetreten, setzen unmittelbar vor ihrer Abreise den ebenso frischen Stander auf ihrer Laetitia.
Auch die beiden von der Kairos, einer sehr schönen Reinke 13M, Nikolai und Daniela, brechen auf zu neuen Ufern.
Viel Spaß haben wir (und nicht nur wir) stets mit Martin und Conny.
Doch auch Conny und Martin mit ihrer soliden Isly (steht für I Still Love You) brechen eines Tages auf. Sie gehen Richtung Teneriffa und wir werden uns sicher anschließend auf La Palma wiedersehen.
Nun, wenn alle abhaun, was hält uns noch? Das Meer ruft, auch wenn es im Windschatten Teneriffas und bei Calima etwas seltsam und ruhig aussieht.
Es hat aufgeklart – und der Wind ist da.
Da der Wind moderat ist und der Am-Wind-Kurs Gennaker und Parasailor ausschließt, setzen wir wenigstens noch die Fock dazu, um ein paar Zehntel Knoten rauszuschinden.
La Palma begrüßt uns wie wir La Gomera verlassen haben: Die Calima hat sich wieder verdichtet.
Beinahe hätte ich es vergessen. Auf der Fahrt nach La Palma habe ich einen Bonito geangelt. Da es mir am Abend nicht gut ging, hat Anke gekocht und die Filets nach einem Rezept vom Tom und Karin von der Calypso zubereitet. Sie kocht ja nicht so gerne, aber die Filets sind ihr perfekt gelungen.
Bonito-Filets im Sesam-Mantel. Schnell gebraten – zisch – zisch – innen noch roh, einfach perfekt.
In Santa Cruz begrüßt uns La Negrita. Wir freuen uns schon auf die Karnevalstage. Übrigens: aktivistisch Agierenden müssten hier mindestens vier No Go’s aus ihrer Sicht auffallen. Also: Findet die Fehler!

Das Beitragstitelfoto zeigt übrigens den Blick von einem Aussichtspunkt jenseits der Hafenanlagen von San Sebastián. Im Hintergrund unverkennbar der Teide.

Denen, die Spaß dran haben, wünschen wir noch weiter viel Spaß an den tollen Tagen, den anderen gut geeignete Rückzugsorte. Abschließend möchten wir auf die Abo-Möglichkeit hinweisen: Wer im Neuen Jahr keinen Beitrag mehr verpassen will, kann unseren Blog abonnieren, und das geht einfach über die Seite Kontakte, oder indem man – noch einfacher – hier klickt.

Helau, Alaaf und Salve,

Martin und Anke

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