Camargue – Tagebuch vom 19.06. bis 04.07.2022

Camargue – Tagebuch vom 19.06. bis 04.07.2022

Seit meinen Kindertagen las ich, Martin, wie die meisten meiner Mitschüler, mit Begeisterung das Periodikum „Der kleinen Tierfreund“. Vor allem die Geschichten und Erzählungen aus der afrikanischen Welt übten einen großen Reiz aus, doch es gab in einem der Hefte mal einen Bericht über ein europäisches Gebiet, dass sogleich zu einem meiner Kindheitstraumziele aufstieg: die Camargue mit ihren weißen Pferden und den Flamingos.

Anke hatte vor Urzeiten die Camargue schon einmal besucht, und sie locken Pferde, gleich wo, Hauptsache es geht halt um Pferde. Doch bezüglich der Camargue schien ihre vorherrschende Erinnerung aus Mückenüberfällen zu bestehen.

Wie auch immer. Von der Île de Frioul aus war die Camargue schnell erreichbar. Scheinbar. Unser erster Versuch endete jedoch wegen überraschend sich zum Schlechten ändernder Wetterverhältnisse – wir fürchteten wegen möglicher Grundseen nicht in die flache Einfahrt von Saintes-Maries-de-la-Mer einfahren zu können – mit einem scharfen Bogen und wir drehten in den Golfe de Fos ab um über ihn und durch einen Stichkanal Port Napoleon anzusteuern. Den Versuch, am nächsten Tag an das Ursprungsziel zu gelangen brachen wir nach wenigen Meilen ab. Im Kanal hafenauswärts hatten wir noch keinerlei Wind, die nächsten zwei Meilen auch nicht, dann kam er erst hübsch und frisch und drehte nach wenigen Minuten gleich richtig auf. Der Seewetterbericht hatte für diese Zeit Mittelwind um einen (in Ziffern 1) Knoten angesagt, woraufhin wir keinen Blick in die Böenvorhersagen mehr warfen. Dass ist im Löwengolf jedoch nicht ratsam. Dort waren Böen von 30 (!) Knoten prognostiziert. Die sich allerdings eher als Dauerwind verstanden, aber direkt auf die Nase(n). Also drehten wir erneut und kehrten zurück ins Körbchen. Dort hielt uns ungünstiger Wind ein paar Tage fest. Dieses Häfchen liegt ziemlich am Ende der Welt, was wir aber genossen, denn es war hier himmlisch ruhig und unser Liegeplatz bot einen idyllischen Ausblick. Außerdem lernten wir Bree und Walter Corn kennen, die vor ein paar Jahren ein paar nette Segelvideos produziert hatten, die Martin in der langweiligen Zeit im Krankenhaus 2019 viel Freude bereitet hatten. Jetzt hatte er Gelegenheit, sich persönlich zu bedanken. Die beiden bereiten hier gerade ihr neues Boot Poc a Poc für eine neue Reise vor.

Im Golfe de Foz wirkt das Wetter gar nicht soo schlimm. Es ist halt eine geschützte Bucht. Der Wind erlaubt es uns, bis zuletzt zu segeln, vorbei an zahlreichen Ankerliegern, die auf die Abfertigung in den nahen Hafenanlagen warten.
Zufrieden mit unserem Entschluss genießen wir einen ruhigen und schönen Abend in Port Napoleon und wollen am nächsten Tag weiter. Noch wissen wir nicht, dass daraus nichts werden wird.
Seit dem letzten Foto sind keine 19 Stunden vergangen. Wir waren ohne Frühstück aufgebrochen und sind noch immer ohne Frühstück zurück in Port Napoleon. Da unser gestriger Liegeplatz besetzt ist, liegen wir erst einmal vor der Kranpier. Und frühstücken. (Und Martin muss sich dringend mal rasieren! Sieht ja aus wie Catweazle mit Harry-Potter-Brille)
Nachdem wir einen neuen Liegeplatz außen am Hammerhead bekommen haben, genießen wir in Port Napoleon jeden Tag die idyllische Aussicht in die Wildnis.
Ein Fahrradausflug bringt uns ans Rhône-Ufer nahe Port-Saint-Louis-du-Rhône. Anke hat sich ein Meniskusproblem zugezogen und unser Radius ist daher beschränkt. Dennoch lässt sie sich nicht von kleinen Klettereien abbringen, um wenigstens einen kurzen Blick auf die Rhône zu werfen.
Mit Glück finden wir mehrfach Segler, die uns für Einkäufe mit nach Port-Saint-Louis-du-Rhône nehmen. (In Port Napoleon gibt es außer einem Restaurant am Hafen schlicht und einfach nichts.) Das Foto dokumentiert nicht nur einfach einen Supermarkteinkauf, dessen Schwerpunkt bei genauem Hinsehen im Einkaufswagen offensichtlich wird. In diesem Fall achte man auf das kleine Wesen vorne am Einkaufswagen.
Einen weiteren Fahrradausflug in die Umgebung muss Martin allein machen, Anke schont ihr Knie. Flaches Marschland.
Teilweise verbuschtes und von dichten Schilfröhrichten durchsetztes Hinterland. Derartige „Pfade“ führen in privates Jagdgebiet, oft fragt man sich, ob das noch genutzt wird oder ob es aufgelassen ist.
Dann wieder Entwässerungsgräben, mal schmaler, mal breiter. Das Foto könnte auch aus dem Worpsweder Umfeld stammen, aber die Berge im Hintergrund erheben sich in der Umgebung von Aix-en-Provence, nicht weit nördlich von Marseille.
Angler- und Fischerhütten unweit des Plage Napoleon, die nur zeitweise bewohnt werden. An der grauen Stimmung und am Himmel sieht man, dass das Wetter derzeit nicht so freundlich ist. Hier, am Löwengolf, muss man vorsichtig sein. Die Bedingungen können unberechenbar sein.
Das Ziel von Martins Radtour ist erreicht. Strandleben am Plage Napoleon bei trübem Wetter. Die Ausmaße des hier nicht gezeigten, nicht weit entfernten Parkplatzes machen deutlich, dass der Strand in der Hochsaison und schönem Wetter um ein Mehrfaches dichter bevölkert sein kann.
Gleich hinter dem Strand schließt sich ein hübscher Dünengürtel an.

Irgendwann passte das Wetter und wir hatten Glück und bekamen einen Liegeplatz in Saintes-Maries-de-la-Mer, was nicht ganz selbstverständlich ist, denn der Hafen ist nicht sehr groß. Hier genossen wir die nächsten Tage. Mieteten sogar ein Auto (an der Tankstelle) und besuchten Pferde, Flamingos, flache Salzseen, eine Saline, trafen Ornithologen und aßen überraschend gut zu Mittag in einer Sport-Bar, weil sonst nichts zu finden war. Und natürlich saßen am Nebentisch wieder Franzosen, die jedes unserer auf Deutsch gewechselten Worte verstanden. Die Zeiten, zu denen ein Franzose sich weigerte eine Fremdsprache zu sprechen, geschweige denn Deutsch eingedenk der Kriegserfahrungen, sind glücklicherweise vorbei. Glücklicherweise zu beiderseitigem Vorteil.

Wir hatten uns einen tüchtigen, kleinen Opel Corsa gemietet, um in der Camargue ein wenig weiter herumzustreunen. Das Wesentliche an dem Foto ist übrigens nicht das Auto, sondern es sind die schwarz verkohlten Äste und Triebe des Buschwerks. Hier hat es unübersehbar vor nicht allzu langer Zeit gebrannt. Aber die meisten der Sträucher haben das überstanden und treiben unbeeindruckt neu aus.
Typische Camargue-Impression. Überall gibt es Wasser.
Auch das eine Camargue-Impression: Riesige, seichte Wasserflächen, Algen am Ufer, Schwäne, Reiher oder Flamingos in der Ferne.
In der Camargue gibt es drei Arten, die unser Bild von dieser Landschaft bestimmen. Das sind Flamingos, die typischen, weißen Pferde und die ebenso typischen, schwarzen Stiere. Was nicht ganz stimmt, denn das sind ja nur die männlichen Tiere. Also typisch schwarze Rindviecher.
Am äußersten Punkt unseres Ausflugs erreichen wir die Salinen von Giraud. Hier wird in unglaublichem Ausmaß Salz gewonnen, und das meiste wandert in den „industriellen“ Gebrauch, d. h. ein großer Teil unseres winterlichen Streusalzes wird unter anderem hier gewonnen. Nur ein kleiner Teil gelangt stattdessen in unsere Küchen.
Salz, so hoch das Auge schaut.

Mit unseren alten Falträdern besuchten wir dann eine „Mas“, das ist ein Bauernhof, in diesem Fall allerdings ohne eine tatsächliche Hofstelle, um einen kleinen Ritt auf dem Rücken echter weißer Camargue-Pferde zu machen. Zwar ohne Galopp und fast ohne Trab und mit einem begrenzten Radius, da Anke sich tags zuvor einen Meniskus-Knacks zugezogen hatte. Aber immerhin. Wir begegneten weißen Pferden, na ja, meist ziemlich weit weg, Flamingos, schon näher dran, reitenden Touristen und einer Menge Safari-Jeeps, fast wie in Afrika. Unser Guide, Nathalie, erzählt uns ihre Infos weitgehend auf Deutsch. So erfahren wir, dass die weiße Farbe der Camargue-Pferde die Mücken weniger anzieht, als andere Farben, was wir kaum glauben wollen, da die armen Tiere am Ende des Ritts übersät sind mit Mücken. Martin hat sich entgegen seiner Gewohnheiten sehr gut präpariert, also eingeschmiert und hat gar keine Probleme, Anke selektiv. Nathalie berichtet, dass es hier vier Mücken-Spezies gäbe, die jeweils leicht andere Vorlieben hätten. Was ich, Martin, davon halten soll, weiß ich nicht recht, Mücken haben mich in der Regel völlig unabhängig von ihren Vorlieben außerordentlich lieb.

Auf den Rücken echter Camargue-Pferde sind wir in derselben unterwegs. Frisches Blut für die heimischen Moskitos – lecker, lecker!
Wir sind offensichtlich nicht die einzigen. Auf den staubigen Pisten begegnen uns nicht nur andere Reitertrupps, sondern auch Jeeps und Landrover, die African-style „Safari“-Touristen herumkutschieren. Rechts unsere Nathalie.
Im gemütlichen Schritt durch flaches Wasser. Sicher hätte man hier auch galoppieren können, aber mit Rücksicht auf Ankes Meniskus haben wir das lieber sein lassen. Mein (Martins) Pferd, dessen Ohren man hier sieht, erwies sich übrigens als besonders gemütlich, was ihm den Beinamen Bob Marley eingebracht hat.
Wir haben sie gefunden, unsere ersten Flamingos. Gar nicht so abgelegen, wie man denken würde, wie die Reiter im Hintergrund (alles -innen) deutlich machen.
Und ein echtes, halbwildes Camargue-Pferd haben wir auf erträglich kurze Distanz auch noch entdeckt.

Tags drauf radelten wir fast an den gleichen Ort, nur besuchten wir den in der Nachbarschaft gelegenen Ornithologischen Park. Den darf man sich nicht als einen besseren Zoo vorstellen, es handelt sich um ein größeres, gewässerreiches und stark gegliedertes Gelände, das aufgrund seiner Eigenschaften von zahlreichen Wildvögeln angenommen bzw. aufgesucht wird. Für die Besucher sind gute, teils abgeschirmte (um die Vögel an bestimmten Stellen nicht zu stören) Wege und Aussichtspunkte eingerichtet und es gibt eine Menge Informationen zur Vogelwelt. Wir sehen – man glaubt es kaum – Flamingos, Camargue-Pferde sogar mal ganz aus der Nähe, Kuh-Reiher, Seidenreiher, Graureiher, einen Night Heron, Löffler, einen echten Storch, versteckt im Gebüsch und einen zweiten in einer Baumkrone sitzend und noch dies und das.

Flamingos genießen die Gewässer des Parc Ornithologique de Pont de Gau
… oder kreisen schon mal über diesen Gewässern herum. Wie man sieht, sind es schon recht merkwürdig proportionierte Vögel.
Wer hätte das gedacht, ausgerechnet im Vogelpark begegnen wir auf kurzer Distanz wilden Camargue-Pferden.

Den letzten Tag nutzen wir noch für ein touristisches Muss in Saintes-Maries-de-la-Mer und besteigen das Dach der Kirche. Besucht haben wir sie schon zuvor. Diese Kirche geht zurück auf eine Legende, nach der Maria Jacobe, Maria Salome und auch Maria Magdalena im damals noch nicht so Heiligen Land in einer offenen und ruderlosen Barke ausgesetzt, wunderbarerweise hier angetrieben worden sind. Eine Dienerin, Sara, hatte so geklagt, als die beiden ausgesetzt wurden, dass sie mit durfte. Das ganze spielte sich etwa im Jahre 45 n. Chr. ab. Heute ist die inzwischen fast als Heilige verehrte „Schwarze Sara“ eine wichtige Patronin für das Fahrende Volk, für Sinti und Roma usw., in Frankreich Gitanes genannt. Jedes Jahr im Mai gibt es eine große Zigeunerwallfahrt zu dieser Kirche, um der „Schwarze Sara“ zu huldigen und eine Prozession mit dem Standbild der Sara zu veranstalten. Letzteres befindet sich in der Krypta der Kirche und wird offensichtlich ständig mit Geschenken behängt. Zu der Kirche gibt es noch einiges mehr anzumerken, doch das behalten wir dem hinterher hinkenden Tagebuch vor.

Uns hat es aktuell auf das Dach der Kirche gezogen. Wie es dazu gekommen ist, dass man das Dach der Kirche begehen darf, ist uns nicht bekannt. Man kann aufgrund der Konstruktion – der einfache, ursprüngliche Kirchenbau wurde später notwendigerweise zu einer Wehrkirche erweitert und daher mit einem Laufgang und einer zinnenbewehrten Brüstungsmauer umgeben – zwar nicht gleich vom Dach stürzen, aber die Haxen kann man sich schon übel brechen, wenn man ausgleitet. Wie auch immer, wir müssen da rauf, sogar Anke, auch wenn sie wegen ihres Meniskus zunächst zögert. Gelohnt hat es sich in jedem Fall und wir hätten nicht darauf verzichten wollen.

Maria Salome und Maria Jacobe, beides Heilige Marien in ihrer Barke. Auf Sara und Maria Magdalena wurde großzügig verzichtet. Es gab laut der Legende noch ein, zwei, drei oder mehr Mittreibende, aber die sind im Verlauf der Jahrhunderte verloren gegangen. (Es sei auch darauf hingewiesen, dass man zum Zeitpunkt, an dem dieses Bildnis geschaffen wurde, noch auf die vielen völlig überflüssigen Bindestriche zwischen den Namen verzichtet hat, die Martin als Schreiberling gehörig anstrengen.)
Die mit schmückenden Ketten behängte und einer wärmenden Jeansjacke umgebene Schutzpatronin der Gitanes, die „Schwarze Sara“.
Blick vom Dach der Kirche Saintes-Maries-de-la-Mer
Anke hat trotz Meniskus den Aufstieg auf den First geschafft.
Martin balanciert auf den Abschlußsteinen des Firstes der Kirche, erlaubt sich allerdings, sich rücklings abzustützen.

Inzwischen haben wir Frankreich verlassen und sind sogar schon über Barcelona hinaus. Aber das folgt in den nächsten Beiträgen. Und wer die nicht verpassen will, der kann sie abonnieren. Das geht auf dem Weg über die Seite Kontakte, oder indem man einfach hier klickt.

Wir freuen uns, auf das soeben fertig gestellte, neue Tagebuch hinweisen zu können: Hier das nächste Tagebuch – einfach auf den Link klicken.

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Es grüßen Euch

Anke und Martin

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