Unterwegs in Puerto Ricos Natur

Unterwegs in Puerto Ricos Natur

Google hat uns in die Irre geführt. Die Straße, die uns laut Google zum Tagesziel führen sollte, gab es schlicht nicht. Wir befinden uns an einer entscheidenden Abzweigung. Anke peilt die Umgebung.

Nun hatten wir ja ein Auto gemietet. Deutlich teurer, als es auf den bisherigen Inseln notwendig war. Da musste das schon aus ökonomischen Erwägungen heraus weidlich genutzt werden. Alles andere wäre ja unwirtschaftlich. Und da der große Van ein Fehler des Verleihers gewesen war, mussten wir noch einmal tauschen und bekamen einen nur unwesentlich kleineren Ersatz. Und da Anke ja – wenn man mal von Pferderücken absieht – dem Wasser verbunden ist, stand Wasser auch im Mittelpunkt unserer Unternehmungen.

Beim zweiten Anlauf und mit Nachhilfe eines Einheimmischen – „Ja ja, Google schickt hier jeden in die Irre. Ihr seid nicht die ersten!“ – hat uns Google richtig geleitet. Ein Schlüsselpunkt unserer ersten kleinen Wanderung ist erreicht. Nun geht es im Flussbett weiter. Für Interessierte, es gibt eine kleine Abkürzung am Ende einer Dirt Road durch eine mehr oder weniger unbewohnte Ansiedlung – vielleicht fünf, sechs Häuser. Doch außenrum ist schöner. Und durchs Flussbett muss man nachher sowieso wandern. Also nehmen wir den kleinen Umweg gerne in Kauf. Und wenn´s nun noch nicht gesagt wurde, nun, wir wollen den Spannungsbogen aufbauen. Unser Ziel wird erst bei Erreichen desselben verraten.
Die paar Häuschen sind umwandert.
Nun wird es anspruchsvoller, teilweise ist ein wenig Kletterei gefordert. Rechts ganz unerwartet Engelstrompeten (Brugmansia spec.). Martin ganz klein links.
Das Ziel ist erreicht. Der Salto Curet. Wobei Salto Wasserfall heißt. Sieht ganz harmlos aus, doch es ist ein netter Wasserfall von geschätzt 30 Metern Höhe. Kein Mensch da. Nur wir.
Nix wie rein in die Fluten – und kreisch: „Gott, ist das kalt!“ So schlimm ist es dann doch nicht, vielleicht 19 – 20°C. Aber wenn man ständig karibischen Temperaturen ausgesetzt ist, muss man sich erst einmal an sommerliche Wassertemperaturen wie beispielsweise aus Lesum oder Hamme gewohnt erinnern. Das wir bei solchen Temperaturen schon oft geschwommen sind, hatten wir völlig verdrängt.
Anke war schon unter der Dusche, die Strömung hat sie wieder fortgetrieben.
Da keiner da ist vergnügen wir uns nackig. Fast. Die Schuhe bleiben an. Wegen der Felsen. Und weil wir sie nass, wie sie es vom Anmarsch her eh schon waren, kaum wieder über die Füße hätten streifen können.
So eine kalte Dusche ist einfach herrlich. (Das schreibt ein bekennender Warmduscher.)
Ganz allein sind wir dann doch nicht. Unter Wasser werden wir aufmerksam umkreist und beobachtet.
Ach ja, nicht nur wir mussten durch Flussbetten waten. Auch unser Auto. Da war es kein Fehler, dass es Allrad-Antrieb hatte. Wobei ein Sperrdifferential noch eine feine Ergänzung gewesen wäre. Aber vielleicht habe ich nur den rechten Knopf nicht gefunden, denn heute wird ja vieles elektronisch geregelt.
Auf der Rückfahrt nehmen wir noch die Gelegenheit wahr und steigen in der Abenddämmerung auf den Torre del Piedra, eigentlich Torre de Santa Ana genannt, da er auf dem Gipfel des Santa Ana-Berges steht. Er bietet eine unbeeinträchtigte 360°-Sicht einmal über ganz Puerto Rico.

Ein anderer Tag. Man kann nicht genug Wasserfällen besuchen (Ankes Motto). Schon gar nicht auf Puerto Rico. Diesem hier waren wir im Vorbeifahren begegnet. So im Vorbeifahren konnte es nicht bleiben. Also wurde auf der viel zu schmalen Straße gewendet und wieder zurück. Wir zeigen mal nicht, wie belebt es an diesen Wege- und Brückenbegrenzungen war. Denn wir waren nicht die einzigen, die den Blick genießen wollten. Entsprechend eng ging es auf der Fahrbahn zu, die zwar keine Parkplätze besaß, aber ziemlich vollgeparkt war.

Der gleiche Wasserfall auf dem Rückweg noch einmal. Aus einer anderen Perspektive. Sein tatsächliches Ausmaß wird nun viel deutlicher. Er heißt übrigens Chorro Doña Juana. Zwischen den beiden Stopps lag unser eigentliches Ziel. Ein Felsen, der mit Gravuren der hiesigen Ureinwohner, der Taino, versehen ist.

Der Felsen scheint einen gewissen Stellenwert im Lokalbewußtsein zu besitzen. Dafür spricht der erstaunliche Boardwalk, der hinunter in das Flußtal mit dem betreffenden Felsen führt. Bis ans Ende ist der Boardwalk absolut barrierefrei. Da hört´s dann aber auch auf. Es folgt Natur mit allen denkbaren „Widrigkeiten“.
Zunächst aber lassen wir uns vom Boardwalk und den Ausblicken verzaubern, trotz des verhangenen Himmels.
Überraschend begegnet uns dieses Tierchen auf dem Handlauf des Geländers. Und wir haben auch noch das Glück, sogleich mit einer Puertoricanerin ins Gespräch zu kommen, die in der Biologie ihrer Heimat ausgesprochen bewandert ist. Daher wissen wir, dass vor uns eine selten zu sehende, endemische Eidechse sitzt. Eine Art, die also nur auf Puerto Rico vorkommt: Lagarto verde oder auf English Puerto Rican Giant Anole (Anolis cuvieri). Ein deutscher Name ist uns nicht bekannt.
Die Art lebt überwiegend im Kronendach alter Bäume, also Wälder, und ist sehr selten auf dem Boden anzutreffen. Wahrscheinlich ist es der Vorzug des aufgeständerten Boardwalks, dass wir ihr in halbwegs Gipfelzipfelhöhe begegnen, also ihrer bevorzugten Aufenthaltsebene. Unter den gut erkennbaren, breiten Zehen besitzen sie flache Haftscheiben, die es ihr ermöglichen, an senkrechten glatten Flächen zu klettern. Eine weitere Besonderheit ist, dass sie gut springen kann, was die Fortbewegung in den Baumkronen natürlich erleichtert.
Auch unsere Artgenossen können springen.
La Piedra escrita, der beschriebene Stein. Es ist wirklich nur einer. Allerdings der in weitem Umkreis größte Stein im Fluß. Das hat ihm wahrscheinlich auch seine Bedeutung für die Ureinwohner eingebracht.
Man muss ein wenig näher heran, dann sieht man die Gravuren. Erst haben wir uns gewundert, doch wenn man den Stein hinauf klettert und sich umsieht, erkennt man, dass die gravierten Bereiche und die Stellen, von denen die Jugendlichen springen, nicht kollidieren. Die Gravuren sind durch jugendlichen Übermut also nicht gefährdet.
Nach all dem Meer, der salzhaltigen See, ist es ein Genuss, in Süßwasser zu schwimmen.
Martin ertüchtigt seine müde Muskulatur in einer natürlichen Gegenstromanlage gleich neben dem Felsen.
Und einmal Raufklettern musste natürlich sein. Auf das Springen hat er mit erstaunlicher Vernunft verzichtet. (Anke meint: „Dass man die noch erleben durfte!“) Wobei das Klettern der einfachste Teil war. Herausfordernder waren die paar Meter durch das Gewässer über aalglatt veralgte Steine.
Viel war uns vom El Yunque-Nationalpark erzählt worden. Wir hatten glücklicherweise schon mitbekommen, dass dies kein wirklicher Dschungel sei. Sonst wären wir enttäuscht gewesen. Der El Yunque-Urwald wird vor allem durch einen ausgeprägten Anteil aus Palmen und Baumfarnen dominiert.
Beeindruckend sind jedenfalls die Dimensionen, die die Vegetation hier zur Schau stellt. In den Wäldern des Nationalparks doch auch außerhalb ist die Berg-Palme (Prestoea acuminata), auf Englisch Sierra Palm genannt, weit verbeitet. Sie wächst in Höhen bis 400 m und kommt sowohl auf den Großen als auch den Kleinen Antillen vor. Sie scheint eine Pionierart bei Erdrutschen zu sein, was ihre Verbreitung gerade auf Berghängen Puerto Ricos erklären würde.
Die Wege sind gut ausgebaut, so dass es selbst uns schwächlichen Seglern nicht allzu schwer fällt, eine beschauliche Wanderung zu absolvieren.

Die meisten Arten sind immergrün. Bei einigen sind wir aufgrund des auffallenden Anteils herabgefallener Blätter zunächst nicht ganz sicher, aber doch, inzwischen wissen wir es, diese Blätter stammen von einerm immergrünen Baum.

Der Spender der fallenden Blätter. Ein Trompeten-Baum (Cecropia peltata), in anderen Quellen auch als Ameisen-Baum bezeichnet. Der Baum ist in den Großen und Kleinen Antillen ebenso heimisch wie in Kontinentalamerika von Mexiko bis Brasilien. Sein Vorkommen ist allerdings oft auch ein Zeichen von Störungen im Ökosystem durch menschliche Eingriffe und Einflüsse. Als schnell wachsende Pionierart wird er bei der Wiederaufforstung von Wäldern gezielt angepflanzt, um zunächst die Entwicklung von Sekundärwäldern zu unterstützen.
Mit diesem Turm, dem Mount Britton Tower, ist der Gipfel unserer Wanderung erreicht. Fehlen noch die letzten Höhenmeter über die innere Treppe, bis wir auch den Ausblick haben, für den der Turm berühmt ist. Von seinem Fuß aus sieht man nichts, außer Grünzeug.
Hier oben geben sich die Wanderer aller Herren Länder ein fideles Stelldichein – es herrschte ein sprichwörtliches Gedränge – und wir hatten Mühe, ein Foto hinzubekommen, auf dem nur wir allein auftauchten. Dank eines netten, unbekannten Helfers klappte es schließlich.
Impressionen aus dem Unterholz
Wir hadern ein wenig, aber wirklich nur ein wenig, dass wir nicht mehr Bestimmungsmöglichkeiten haben. Zugegeben, es hilft niemandem, aber es scheint mir doch menschlich, dass man, wir, gerne wissen wollen, welche Arten uns hier begegnen.
Uns begeistern diese aufsitzenden Pflanzen. Wie wohl den ersten Europäern zumute war, die erstmals dieser so anders erscheinenden Vegetation gegenüberstanden?
Erst hatten wir an Bananen gedacht, aber das ist natürlich eine andere Pflanze. Nur welche. – Nachtrag vom 26.02.2026: Kaum veröffentlicht meldete sich Freundin Sybille aus Vientane, der Haupstadt von Laos. Dies sei eine Ingwer-Art. Damit sind wir schon mal ein Stück weiter, doch da hakt es nun auch schon, den das Ingwer-Spektrum ist schon fast ein Universum für sich. Lassen wir es also dabei.
Wie so oft fesselt uns der Blick ins Detail.
Kaum zu erkennen, so gut ist die Tarnung.
Ohne Worte
Was wir hier gesehen haben, ist uns ein Rätsel. Botaniker unter den Lesern, fühlt Euch aufgefordert und gebt uns bei diesem Rätsel und auch zu den anderen Arten ein paar Stichworte. Wir würden uns sehr freuen. – Nachtrag vom 26.01.: Kaumveröffentlicht kam schon eine erste Stellungnahme von segel-Freundin Martina aus Berlin. Sie meint, dies hier sei ein (Fruchtstand) des Wunderbaums (Ricinus communis). Noch habe ich Zweifel, denn ich konnte kein einziges ähnliches Bild recherchieren. Wir werden sehen. Doch wenn es stimmt, ist die Artbestimmung ein Kinderspiel, denn es gibt in dieser Gattung nur eine Art.
Wir sind ein ganzes Stück abgestiegen und nähern uns Flussläufen. Plötzlich säumen Bambustriebe unseren Weg. Wahrscheinlich alle nicht heimisch, sondern eingeführt.
Natürlich ging es nicht ohne Wasser. Zwei Wasserfälle hatten wir beiläufig gesehen und hier gar nicht erst abgebildet, wird ja irgendwann langweilig. Jedoch ein Bild vom Rio Mameyes am Angelito Trail darf nun doch nicht fehlen.

Nach so viel Wasser scheinen unsere kleinen, grauen Zellen etwas verwässert. Jedenfalls fällt uns nichts mehr ein. Drum an dieser Stelle auf die Schnelle ein Tschüß

Martin und Anke

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Tipps und Hinweise

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So manche Wanderung legten wir zurück, und manchen Wasserfall besuchten wir. Von den spektakulären Iguazú-Fällen bis hin zu einem Wasserfall, dessen Wasser aufgrund der Höhe niemals unten ankommt sondern vom Winde verweht wird. Wir schildern dies und vieles mehr in dem Buch, das unsere Weltumsegelung von 2004 bis 2009 beschreibt. Eine Weltumseglung mit einer Aluminium-Reinke Super 11. Informationen zum Buch und wie Ihr die PDF bestellen könnt, findet Ihr unter diesem Link, also einfach auf diesen Satz klicken.

Das Buch unserer Weltumseglung von 2004 bis 2009:
Just do it – von der Weser in die Welt
323 Seiten, durchgehend mit farbigen Fotos bebildert, diverse Karten, hier und da Einschübe zu besonderen Aspekten, die uns beschäftigten und ein Anhang mit gelegentlich launigen Begriffserklärungen.

Vorerst nur als PDF verfügbar. Das Coverfoto des Buches zeigt Just do it in der Caleta Beaulieu im Beagle-Canal.

Wie Bobby Schenk schreibt: „Ein großes Buch, das pure Lese-Freude schafft. Es ist wahrscheinlich das beste aller Weltumsegelungs-Bücher (vielleicht sogar besser als meine eigenen…)“

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